Geschwister –

… oder ist es doch ein gesellschaftliches Problem?

Als nach mehr als 50 Jahren endlich ein mögliches Syndrombild gefunden wurde, das die Behinderung der Junioren erklären könnte, war das für uns kein beiläufiger medizinischer Hinweis. Es war, als hätte sich nach Jahrzehnten ein schmaler Spalt in einer verschlossenen Tür geöffnet. Ein Wort, vielleicht eine Erklärung, vielleicht ein erstes Stück Ordnung in einem Leben voller Fragen. Und gerade deshalb tat es so weh, dass hinter dieser Tür nichts war, nur Stille.

Als ich meinen Geschwistern freudig mitteilte, dass wir nun endlich wissen – hoffentlich ist es wirklich so –, welches Syndrombild hinter der Behinderung der Junioren steckt, kam keine Resonanz. Ich zeigte ihnen etwas, das für uns sehr kostbar war: eine ersehnte Antwort nach einem halben Jahrhundert. Ich hoffte auf Anteilnahme und auf einen Satz, der sagt: Wir sehen, was das für euch bedeutet. Doch die Reaktion blieb aus. Ganz ohne Antwort war es dann doch nicht. Eine meiner Schwestern sagte lediglich: „Ich habe es noch nicht gelesen.“

Natürlich konnten sie mit dem Syndrom zunächst vielleicht nichts anfangen. Wir konnten das auch nicht. Aber man muss nicht alles verstehen, um nahe zu sein. Man muss nicht die richtigen Worte kennen, um eine Frage zu stellen. Ich hätte mir gewünscht, dass sie nachfragen und mit uns hinschauen: Wie geht es euch damit? Was bedeutet diese Diagnose für euch? Fühlt ihr euch erleichtert, erschöpft, bestätigt – oder einfach nur überwältigt?

Stattdessen hat sich bei mir eine tiefe Enttäuschung breitgemacht, leise zuerst, dann immer deutlicher. Nach so langer Zeit endlich etwas benennen zu können, das die Behinderung der Junioren beschreibt, war für uns ein wichtiger Schritt. Vielleicht sogar ein Meilenstein. Doch es kam kaum etwas zurück: kein „Wie geht es euch damit?“, kein „Gut, dass ihr endlich eine Diagnose habt“, kein „Das muss euch viel bedeuten“. Nichts, das geblieben wäre. Nichts, das sich nach Mittragen angefühlt hätte.

Und vielleicht schmerzt es gerade deshalb so sehr, weil diese Erfahrung nicht bei der Familie endet. Auch im Bekanntenkreis waren Anteilnahme und Interesse außerordentlich gering. Die Nachricht wurde zwar gehört, vielleicht kurz registriert, wie etwas, das man im Vorübergehen wahrnimmt – und dann versank sie wieder im Alltag.

Vielleicht zeigt sich darin nicht nur ein familiäres Schweigen, sondern auch ein gesellschaftliches Problem: Viele Menschen wissen nicht, wie sie auf Behinderung, Diagnose und jahrelange familiäre Belastung reagieren sollen. Aber Schweigen ist keine Schonung. Wegsehen ist keine Hilfe. Manchmal bräuchte es gar nicht viel. Nur eine einfache, ehrliche Frage, die nicht ausweicht und nicht vorbeigeht: Wie geht es euch wirklich damit?

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Im Autismus-Spektrum bin ich obendrein und habe Wünsche. In Momenten, in denen ich an mir und meiner Arbeit zweifle und meine, nichts Gutes auf die Reihe zu bekommen, denke ich manchmal daran, mir kurz das, was ich schon geschafft habe, anzuschauen. Dann geht's wieder. ❤️ | ✨

Kategorien: Behinderung, Familie, Gedankenchaos, Junioren

28 Kommentare

  1. Die allseitige Reaktion tut mir leid. Bin froh, dass Ihr jetzt etwas mehr wisst.

    • Dass wir mehr wissen ist schon schön, nützt uns aber nichts, bei diesem seltenen Syndrombild. Heilung habe ich nicht erwartet, aber vielleicht einen Austausch mit anderen Betroffenen.

  2. Ich kann mir gut vorstellen, wie schmerzhaft das war. Ich denke jedoch, dass die meisten damit überfordert sind und lieber nichts sagen. Bei Familie tut es besonders weh. Das kenne ich selbst.

    Aber nichts zu sagen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass auch nichts gefühlt wird. Mir fällt es aber auch leichter, anderen zu verzeihen, als meinen direkten Angehörigen.

  3. Gut, dass du deinen Gedanken hier Raum schaffen kannst. Ich wünsche dir, dass sich mit der Zeit noch etwas Regung drumherum zeigt..

  4. Ich kann erahnen, was das mit Dir macht.
    Dabei frage ich mich, ob Deine Familie die ganzen Jahrzehnte wohl auch mit gefühlt hat, spürte, wie schwer es sein musste, zwei tolle Junioren zu haben, deren Behinderungen / Syndrombilder nicht bekannt waren.
    Oder, ob es für die Familie möglicherweise eher so war wie „das ist eben so“. Die Kinder von Petra sind behindert.
    Hmmf. Wenn es so wäre, wäre das auch nicht hilfreich.
    Ich selbst erlebe es allerdings so.
    „Ist so..“, da fragt niemand nach.
    Oder, wenn doch, aus Neugier, nicht aus dem Gefühl „und was macht das jetzt mit Dir und Deinem Befinden?“

    Deshalb kann ich mit Deinen Gedanken etwas anfangen.
    Danke, dass Du sie hier teilst.
    Liebe Grüße!

    • Meinen Geschwistern waren meine Kinder immer suspekt. Viel anfangen konnten sie mit ihnen nie etwas. Ich spreche ihnen nicht ab, dass sie die Junioren lieb haben, aber gefälligst aus der Ferne, und bitte, bitte nicht nachfragen, ob man helfen könnte. Aber das ist Unwissenheit und die haben sie immer vorgeschoben.

      Übrigens besteht untereinander auch nicht allzu großes Interesse. Wir haben alle mehr oder weniger autistische Züge und sind uns selbst die nächsten. Ich muss mich da mit einschließen.

  5. Ich hätte verschiedene Theorien über das Verhalten, doch die rechtfertigen aus meiner Sicht nicht die Empathielosigkeit. Sehr schade.

    • Jetzt hätte mich doch deine Theorie interessiert. In einem hast du Recht. Vorrangig ist es die Empathie einer Dampfwalze!

      • Liebe Petra, meine Gedanken zu der Thematik tendieren zum gesellschaftlichen Problem. Doch wenn die Familie selbst auch so agiert, ist es mehr als traurig.
        Zum einen ist wohl schlichtweg Ignoranz, so ala: – Was geht mich das an? – der Hauptfaktor. Dazu kommt die „Angst“ und „Unsicherheit“. Es wird nur doof gegafft und hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Jeder ist sich selbst der nächste.
        Das wäre die gesellschaftliche Schiene.
        Die Familie hingegen sollte da anders ticken – meint man. Leider ist dem oft nicht so. Sie fallen genauso in dieses Schema. Einfach unangenehm darüber zu sprechen, ein Tabu. Ein Tabu was keines sein sollte und ist. „Oh, bloß nicht wieder Anfangen von dieser Thematik, man will und kann es nicht mehr hören“.
        Die Familie und auch der Bekanntenkreis scheinen „zu nah dran zu sein“. Was natürlich quatsch ist, denn sie nehmen sich ja komplett raus. Immer der Gedanke:
        – Nicht mein Problem. Lass mich damit in Ruhe. Aha, da gibt es eine Diagnose – na dann, schön, immer noch nicht mein Problem. –

        Ignoranz, Empathielosigkeit, Berührungsängste und Gleichgültigkeit – eine Mischung die einfach weh tut.

        Deine Junioren sind präsent, liebenswert und einfach ganz besondere Menschen mit einer starken Persönlichkeit, die mehr verdienen als dümmliche Gesichter und tuschelnde Worte. Ein offener Austausch tut dir und ihnen gut. Auch wenn die Diagnose des Syndrombildes keine Heilung bringt, so müsste doch in erster Linie die Familie verstehen, was das für euch bedeutet. Endlich hat das „Kind“ einen Namen. Nichts ist schlimmer als Ungewissheit.

        Lass dir aus der Ferne sagen: Ich mag deine Junioren, auch wenn ich sie nicht persönlich kenne. Deine Pflege hat sie zu diesen Menschen, zu diesen Persönlichkeiten gemacht, die sie heute sind. Ihr seid ein tolles und starkes Team. Und jetzt endlich, endlich kann man etwas benennen, was vorher im Dunkeln lag. Das ist ein Meilenstein, und ich feier ihn mit euch.

        • Danke Jane für das Lob, dass ich meine Kinder zu dem gemacht habe, wie sie sind. Ich bin stolz auf uns!

          Und zum anderen hast du eine Studie meiner Familie und des Umkreises aufgezeigt, wie ich es selber nicht besser machen könnte. Bei allem ist niemals die Absicht auf verletzen dabei. Keine böse Absicht und wahrscheinlich werden sie auch denken: Wie man‘s macht, ist‘s verkehrt!

  6. Meine Geschwister sind auch so.

    Ich verstehe das du von ihnen enttäuscht bist.
    Aber sie meinen es nicht böse. Sie können nur nicht nachvollziehen was diese Tatsache für euch bedeutet.

  7. Unser schwetstbehinderter Sohn ist 2019 mit 26 gestorben. Seine Diagnose war Cerebralparese, ein allgemeiner Begriff, den ich immer aufsagte, wenn jemand fragte: „Was hat er denn?“
    Helfen, im Sinne von Heilen, konnte man ihm nicht, nur sein Dasein nach unseren Vorstellungen versuchen zu erleichtern. Viele Menschen in unserer Umgebung waren überfordert und wussten nicht, wie sie sich uns gegenüber verhalten sollen. Es gab auch einige, die alles für selbstverständlich ansahen und ohne Scheu zugegriffen und geholfen haben. Meine Mutter hat auch tatkräftig unterstützt, manchmal ein bisschen zu sehr. Das war auch nicht einfach.
    Ich kann mir Deine Situation vorstellen. Tja, was macht man mit einer Diagnose, die an der gesamten Situation vielleicht nichts ändert? Aber für Euch ist sie vielleicht ein Ankerpunkt und ein lange gesuchtes Licht. Es bleibt mir nur, Dir alles Gute zu wünschen.

    • Erst einmal hat mich erschüttert, dass dein Sohn gestorben ist. Dieses Szenario ist eine meiner größten Ängste.

      Meine Ursprungsfamilie wohnt 400km weit weg. Sie kennen Carsten und Wiebke kaum. Sie wollten sie aber auch nicht kennenlernen, wenn wir mehrmals im Jahr unsere Eltern besucht haben. Mein Vater hat seinen ersten Enkel geschnappt und ist mit Carsten in Urlaub gefahren – die Beiden waren wunderbar zusammen. Äußerlich ähnlich, wissbegierig , Menschenfreunde und genau auf derselben Wellenlänge. Großvati und Enkel waren in den Bergen und haben philosophiert.

      Danke, ich wünsche auch dir – euch allen hier – alles erdenklich Gute!

  8. Vielleicht ware die Frage auch wie hättest Du reagiert,
    wenn einer deiner Geschwister deine Junioren mit ihren Eigenarten hätte.
    Und es wäre jetzt erst rausgekommen was Sie haben.
    Wenn Du ein ganz normales Leben ohne kümmern um Andere hättest.
    Vielleicht wurdest Du dann ähnlich auf diese Nachricht reagieren wie Sie heute.
    Für Euch ist es gut und toll für die Anderen bedeutet es aber vielleicht nur dass Ihr es jetzt besser wisst und es ist uninteressant obwohl Ihr ja Familie seid.
    Ich glaube bei uns wäre auf so eine Nachricht ähnlich reagiert worden von der einen Schwester und den Eltern zumindest und von meiner verszorbenen Schwester die hätte sich für ihre Nichten und Neffen und ihre Schwester riesig gefreut und es auch gesagt und gezeigt.
    Wäre ich in deiner Position.
    Ich finde immer egal wie Familien und Geschwister sind kompliziert.

    Gruß Ann-Kris

  9. Das würde ich gerne sogar doppelt „liken“: Weil ich selbst schon erlebt habe, wie erleichternd so eine Diagnose sein kann. Und weil familiäres Schweigen sehr bedrückend sein kann. Ist das immer so geblieben? Oder hat es auch irgendwann mehr Verständnis gegeben?

  10. Liebe piri!

    Ich kann sehr gut verstehen, warum dir diese Diagnose so wichtig war. Es geht dabei nicht nur um einen medizinischen Begriff. Sie gibt dem, was ihr so lange erlebt habt, endlich einen Namen. Sie bestätigt, dass deine Wahrnehmung richtig war, und kann helfen, viele offene Fragen einzuordnen.
    Gleichzeitig eröffnet sie die Möglichkeit, nach anderen betroffenen Familien zu suchen – auch wenn es vielleicht nur sehr wenige gibt oder sich die Ausprägungen unterscheiden. Zu wissen, dass man mit seinen Erfahrungen nicht völlig allein ist, kann unglaublich entlastend sein.
    Ich wünsche dir von Herzen, dass du Menschen findest, die deine Situation wirklich nachempfinden können. Denn manchmal ist Verständnis genauso wertvoll wie jede medizinische Erklärung.

    Ich glaube, das eigentliche Gefühl, das aus deinen Worten spricht, ist Einsamkeit. Nicht, weil niemand da ist, sondern weil so wenige wirklich nachfragen oder verstehen möchten, was diese Diagnose für euch bedeutet. Gerade wenn man nach so langer Zeit endlich eine Erklärung gefunden hat, wünscht man sich Menschen, die diese Erleichterung, aber auch die Sorgen und die Trauer mit einem teilen. Dass diese Resonanz ausbleibt, muss sehr weh tun.

    Fühl dich umarmt, liebe piri!

    Herzlichst

    Anne

    • Liebe Anne, leider werden wir in Deutschland niemanden mit einem annäherndähnlichem Syndrom-Bild finden. Achse hat in unserem Namen ihre Datenbanken gewälzt und nichts gefunden.

      Es ist schade und es stimmt mich sehr traurig – ja, es ist Einsamkeit nirgends sich zugehörig zu fühlen. Meine sowieso schon Einsamkeit hat sich verstärkt und ich hatte wenigstens gehofft innerhalb der eigenen Ursprungsfamilie aufgefangen und verstanden zu werden.

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