Alltag, Behinderung, Gedanken

lass uns mal gucken

Legoauto

Mein Horizont ist gerade ein bisschen beschränkt, weil die Rollläden noch unten sind. Ich mag auch gar nicht rausgucken, denn es ziehen schon wieder Wolken übers Dach. Regen ist angekündigt – hier im Süden Deutschlands! Bis Montag! Und dann ist Pfingsten vorbei. Und morgen soll es besonders stark regnen, morgen spielt die Band der Junioren. Sie hat einen großen Auftritt bei der Verabschiedung vom Chef der Behinderteneinrichtung. Der Sozialminister des Landes Baden-Württemberg kommt – er ist großer Fan der bunten Mützen. Das Fest findet im Freien statt! „Lass uns mal gucken, was wir draus machen!“, sagt die Bassistin. „Schauen wir mal!“, sagt Carsten: „Aber bitte nicht heute, sondern erst morgen. Heute will ich noch schlafen!“ 

Die Konzertgänger sind sehr spät nach Hause gekommen. Es war fast halb zwei als sie völlig beseelt aus dem Bus stiegen. Eine Viertelstunde später waren sie im Bett – ich habe gezaubert – beide haben sicherlich noch in Schlagermelodien geträumt. Das Töchting allerdings ist schon lange wach und singt jetzt am Morgen ihre Kauderwelschlieder. 09:47 Uhr – gerade haben mir zwei Helferinnen abgesagt. Beide sind krank. Die eine klingt, wie eine rostige Gießkanne und die andere hat ‚Rücken‘ – Bandscheibenvorfall.  Ich glaube, ich lasse die Rollläden heute unten!

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Beim Legoauto fehlen Steine, unter anderem auch die Windschutzscheibe – es weht ein scharfen Wind von vorne!

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Hör auf dein Bauchgefühl wenn es flüstert, damit du nicht warten musst, bis es schreit.

Behinderung, Gedanken, Junioren

wie ist das, Angst zu haben?

Angst

Eigentlich, so dachte ich, dass die Luft zum bloggen verpufft ist. Aber wie so oft habe ich mich getäuscht. Es passiert viel Unblogbares, in meinem Inneren und um mich herum. Eine ältere Helferin verlässt uns und so haben wir kaum noch zuverlässige regelmäßige Helfer. Ich brauche diese aber, sonst drehe ich durch. Ich benötige Menschen auch für mich und Menschen für die Junioren damit ich nicht alles alleine verantworten muss, damit auch einmal andere das immer gleiche Gerede der Junioren aushalten und wir hier rauskommen. Es gibt niemanden, schon gar keinen, der/die regelmäßig wöchentlich kommt…

Ich wiederhole mich, es ist nichts neues und es langweilt sicherlich so manche – Leben besteht eben auch immer aus Wiederholungen, aber genau das Beständige macht es berechenbarer und ebenso entschieden leichter!

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Was hat das alles mit Angst zu tun? Eine ganze Menge. Angst vor Veränderungen, Angst zu scheitern, nicht zu genügen und Angst davor mit der Pflege der behinderten Junioren  – nein, nicht mit der körperlichen Pflege, sondern mit der, die Beiden adäquat zu beschäftigen, ihnen etwas zu bieten und dabei mich selbst nicht völlig zu vergessen. Ich komme zu kurz und wenn jetzt noch jemand abspringt, dann bin ich, fühle ich mich, für alles zuständig und habe die berechtigte Angst durchzudrehen!

Glaubt mir, das ist kein Einzelproblem. Sehr viele pflegende Angehörige haben kaum Möglichkeit ein eigenständiges Leben zu führen, denn sie sind nicht allein – aber oft einsam.

Alltag, Behinderung, Gedanken

alleingelassen

Kuddelmuddelgedankenchaos – behindertes! Entschuldigt bitte, auch ich würde lieber gerne über den wunderschönen Frühling schreiben. Auf der Wiese vorm Wohnzimmer blüht ein Gänseblümchenmeer. Im Sonnenschein ist das prächtig, doch mein Herz ist schwer. In diesen Winkel kommt kein Lichtstrahl, so scheint es. Wir waren zwar eine Runde spazieren – einmal zum Sportplatz, ihn umrunden und auf der anderen Seite zurück. Mit einer älteren Dame. Wenn jemand kam und uns ansprach, mussten wir schnell weiter, weil sonst die Begleiterin mürrisch, nein das ist nicht das richtige Wort, muffelig wurde – sie hat kein Interesse an Gesprächen mit kleinen Jungs. Sie läuft mit dem Rollstuhl als ihren Rollator stur ihren Weg, guckt nicht links und nicht rechts, hat mir im Vorfeld schon gesagt, dass sie nur den leichten Weg geht. Den geht sie dann auch und zeigt ihre Leidensfähigkeit.

Es geht der Pastorenfreundin nicht gut, auch das zeigt sie ausgiebig. Meine Tränen waren schon vor dem Spaziergang da, als sie mir sagte, dass sie sofort danach wieder geht. Wie sage ich das den Junioren? Sie haben sich doch auf, erst einen Spaziergang und danach einen Spielenachmittag, gefreut. So war‘s geplant und abgesprochen. Sie kann nicht! Oder will sie nicht? Ich weiß, dass sie mich momentan nicht mag und dass die Junioren sie nerven. Sie sieht keine Fortschritte bei den behinderten Menschen. Sie hört immer dasselbe, sagt sie. Es zermürbt sie! Kann ich verstehen – wer will auch ausschließlich MenschÄrgereDichNicht spielen? Sie hat mich überrumpelt, heute.

Ich muss versuchen neue Menschen zu finden, die ihre freie Zeit mit uns als Freizeit verbringen wollen. Ich muss den Junioren erklären, dass nicht alle Menschen, die sagen, dass sie mal kommen, auch wirklich kommen. „Warum sagen die das dann, wenn’s dann doch nicht stimmt?“ Ja, warum? Seit Wochen springe ich über meinen autistischen Schatten und mache Smalltalk den ich gar nicht kann. Stümperhaft versuche ich uns anzupreisen, schöne Spaziergänge aufzuzeigen, dass wir gemeinsam malen könnten oder schwimmen, auch mal in den Tierpark oder nur in der Sonne sitzen – gemeinsam macht das mehr Spaß – und es soll ja auch nicht umsonst sein. Einfach mal was miteinander tun…

19:52 Uhr – Der Kerle quatscht mir die Ohren ab, er erzählt vom kommenden Bayernurlaub (die Junioren fahren über Ostern auf eine Freizeit) und Wiebke übt jodeln – hört sich so glücklich an. Sind das wirklich meine Kinder, diese fröhlichen Menschen?