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Realität und Wunschdenken

Wir entwickeln uns immer mehr auseinander! Dabei meine ich nicht einmal die Menschen, die geimpft oder es nicht sind. Ich habe das schon viel früher beobachtet – auch in der eigenen Ursprungsfamilie und es hat nichts mit Corona zu tun. Scheinbar herrscht in unserer kleinen Familie Stillstand. Daran wollen meine Geschwister nicht teilhaben. Bei ihnen geht das Leben weiter! Den normalen Gang. Bei uns ist nichts so wie woanders – auch nicht ansatzweise. Ich wickle zum Beispiel seit mehr als 45 Jahren meinen Sohn. Ich freue mich darüber, dass meine Tochter mit über 40 Jahren, sich alleine ausziehen kann. Mit einer Helferin zusammen filzen wir kleine Bälle und ich bin stolz, dass der Kerle seine beiden Hände benutzt. Ich stehe jede Nacht um 2:00 Uhr auf, um meine Junioren umzulagern. Nicht erst seit 10 Jahren! Die einzige Antwort einer meiner Verwandten: „Bring deine Kinder in ein Heim!“

Wenn ich das täte, brechen gewachsene Strukturen auseinander. Nicht nur die der Junioren. Auch meine. Meine Geschwister haben ihr eigenes Leben. Lassen mich nicht teilhaben und nehmen an unserem nicht Anteil. Wir wissen nichts voneinander – es tut mir weh!

… und ich glaube, der Titel passt nicht so ganz. Manch einer wird es als jammern sehen. Dann ist das eben so.

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Nachtrag: Ihr merkt, Familie beschäftigt mich gerade auch. Zusätzlich zu den anderen Kleinigkeiten wie Weihnachten, was soll ich kochen, Corona und dem allgemeinen Weltgeschehen. 

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meine Freundin und ihre Musik

Wir mochten beide gerne deutsche Texte. Aber niemals Schlager. Der Plattenschrank ihrer Eltern war reich bestückt. Viel Playbach von  Jacques Loussier, aber auch Ingrid Caven.  Meine Eltern hörten kaum Musik und wenn dann Wanderlieder. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter mit uns in ein Konzert gegangen ist. Gesungen hat sie dennoch viel – Volkslieder aus der Mundorgel. Wir Freundinnen haben zusammen geschwiegen und gelauscht. Zarah Leander, Greta Garbo, später Reinhard Mey  – oft seine französischen Lieder – Jacques Brel und Adamo, Alexandra … Aber auch Opern, Kirchenmusik – nur niemals Schlager und Operetten und Musicals. Unsere Musik musste ernsthaft sein und wahrhaftig. Ganz schön vermessen für Teenager. Da sind wir wieder einmal aus der Reihe getanzt. Sind aufgefallen und abgestempelt worden, als die, die sich für was besseres halten.

… übrigens liebe ich diese weißen Vögel – das Lied. Georgette Dee hat es auch gesungen und noch ganz viele andere.

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Freundin und 🎈

Erinnerungen, besonders die, die schön sein sollen, werden oft verklärt. Nicht absichtlich. Aber unsere Erinnerung lässt uns in Stich. Schlechte oder böse Erlebnisse möchte jede:r vergessen. So fallen mir zur Freundin auch nur Begebenheiten ein, die fest eingebrannt sind. In Gedanken vernebelt in rosa Wölkchen. Wir waren neidisch aufeinander. Sie wollte sich sogar meine kleine Schwester ausborgen. Es wäre sofort aufgefallen, denn eine, auch nur entfernte, Ähnlichkeit war nicht vorhanden. Meine Freundin schwerfällig, völlig unsportlich und böse ausgedrückt etwas wabbelig, stand einem kleinen drahtigen Mädchen völlig konträr. Sie hätte so gerne Geschwister gehabt, meine Freundin. Ich wäre diese manchmal gerne los gewesen. Sie konnte sich alles kaufen. Ging in ein Geschäft, sah, nahm und bezahlte. Ich ging in ein Geschäft, sah, nahm, legte weg, nahm, kramte meine Groschen zusammen, überlegte und kaufte dann doch nicht. Gerne hätte ich da für einen Moment mit ihr getauscht. Denn abgegeben hat sie nicht gerne. Es war ihr’s. Sie war es nicht gewohnt zu teilen.  Sie neidete mir meine Klamotten und ich ihr ihre. Ihre Kleidung war gekauft, meine meist aus zweiter Hand oder von der Mutter genäht. Später habe ich selbst Häkelwesten kreiert oder Wintermützen mit angestricktem Schal an ältere Cousinen und deren Freundinnen verkauft. Handarbeiten konnte meine Freundin gar nicht. Topflappen, die sie häkeln musste, hatten fantasievolle Formen und waren keinesfalls quadratisch, wie vorgegeben. An der Nähmaschine brach sie mit schöner Regelmäßigkeit die Nadel ab. Die Handarbeitslehrerin befreite meine Freundin vom Unterricht. Stattdessen durfte sie im Schulorchester spielen. Dazu reichte meine Fähigkeit in die Blockflöte zu pusten nicht. Wenn es um etwas ging, was ihr Freude machte, dann entwickelte sie einen Mordsehrgeiz. Für diese Begeisterung habe ich sie auch beneidet. In Deutsch waren wir Konkurrentinnen. Nein, eigentlich nicht! Sie schrieb seitenlange Geschichten und ich damals schon knapp und Gedichte. Für Herrn Kohlhausen war beides prima. Er mochte sie lieber, weil er auch Musiklehrer war und das Orchester leitete. Geliebt haben wir ihn beide! Er war glücklich verheiratet und seine Frau erwartete das zweite Kind. Dass wir selber irgendwann Kinder haben könnten, lag damals noch in weiter Ferne.

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es geht weiter

Die Erinnerungen an meine erste Freundin kommen, je mehr ich über sie nachdenke. Unsere Freundschaftsphase dauerte nicht lang, gemessen daran wie lange ich schon lebe.  Ungefähr 15Jahre! Aber diese waren prägend. Wir waren nicht so eng, wie ich es oder sie gerne gehabt hätten. Ich bin Autistin, nur wusste ich es damals noch nicht und sie war es vermutlich auch. Wir haben viel miteinander geschwiegen. Wir haben eine Menge dummes Zeug zusammen getrieben. Ich denke an eine Tour, die böse endete. Es war, so glaube ich, nach unserem Tanzstundenball. Kein Erwachsener hatte uns begleitet. Wir waren uns einig, das nicht zu erzählen. Auch aus dem Grund, nicht enttäuscht zu werden. So wussten unsere Eltern nur, dass ein Abschlussballfest anstand. Es gab kein langes Kleid – war auch nicht nötig, denn in der Lokalität legte niemand Wert auf solche Förmlichkeiten. Ewig sind wir dort nicht geblieben. Die Jungs waren noch Kinder und Standardtänze konnte ich nicht. Kann sie heute nicht. In dieser Beziehung bin ich Bewegungslegasthenikerin. Wir haben uns abgeseilt. Meine Freundin hatte eine Flasche Cinzano organisiert. Ein paar ältere Jungs hatten uns aufgegabelt und wir sind in einer Kneipe versackt. Nur Cola haben wir bestellt – immer die stetig leerer werdende Flasche mit dem Wermut unterm Tisch gehalten. Der Lustigkeitspegel stieg. Ich fühlte mich wohl. Anerkannt. Akzeptiert, auch schön  – und war fröhlich. Bis wir an die frische Luft kamen. Da war auf einmal alles anders. Irgendwie bin ich nach Hause gekommen. Meine Mutter hob die Hand, hat aber nicht zugeschlagen, sagte nur: „Das hast du nun davon!“ Sie ließ mich alles sauber machen und verlor kein Wort mehr darüber. Kein Wort. Kein Schimpfen. Kein Trösten. Kein einziges Wort. Stumm war sie damals schon – meine Mutter.