Behinderung, Familie, Gedankenchaos, Junioren

Familie ist nichts für Feiglinge

ein Baby, in diesem Fall ich, im Abfalleimer.
ein Baby, in diesem Fall ich, im Abfalleimer.

 Familie bedeutet nicht nur die schönen Momente miteinander zu teilen. Familie bedeutet auch, sich gegenseitig auszuhalten, wenn das Leben anders verläuft als geplant. Wenn man zwei Kinder mit Behinderungen hat, verändert sich vieles. Der Alltag ist oft intensiver, die Sorgen sind größer und manche Herausforderungen kann man nur schwer erklären, wenn man sie nicht selbst erlebt. Manchmal verändert das auch Beziehungen innerhalb der eigenen Familie. Das kann unglaublich weh tun.

Vor allem dann, wenn man das Gefühl bekommt, nicht mehr richtig dazuzugehören. Wenn Begegnungen seltener werden, Gespräche schwieriger oder man sich fragt, ob das eigene Leben für andere vielleicht zu kompliziert geworden ist. Ich glaube aber auch, dass Ausgrenzung nicht immer aus Ablehnung entsteht. Manchmal steckt Unsicherheit dahinter. Überforderung. Hilflosigkeit. Vielleicht auch die Angst, etwas Falsches zu sagen oder nicht zu wissen, wie man mit einer Situation umgehen soll. Und manchmal entfernen sich Menschen voneinander, ohne dass einer von beiden das wirklich beabsichtigt. Dennoch tut es weh. Denn gerade wenn das eigene Leben viele Herausforderungen mit sich bringt, wünscht man sich von der Familie vor allem eines: Verständnis. Nicht unbedingt Lösungen. Nicht perfekte Worte. Einfach das Gefühl: „Wir gehören zusammen, auch wenn unser Leben manchmal schwierig ist.“ Ich wünsche mir, dass wir als Familien mehr miteinander reden. Dass wir uns trauen zu sagen, wenn wir verletzt sind. Dass wir auch die Perspektive des anderen hören. Dass wir nicht sofort urteilen, sondern versuchen zu verstehen.

Vielleicht müssen wir alle manchmal einen Schritt aufeinander zugehen. Vielleicht müssen wir lernen, dass niemand alles richtig machen kann. Nicht ich, die jeden Tag ihr Bestes gibt. Und auch nicht die Angehörigen, die manchmal nicht wissen, wie sie helfen können. Familie bedeutet für mich nicht, dass immer alles harmonisch sein muss. Familie bedeutet, dass man trotz aller Unterschiede versucht, miteinander verbunden zu bleiben. Dass man Fehler verzeihen kann. Dass man Fragen stellen darf. Dass man lernen darf. Und dass man sich vielleicht irgendwann wieder begegnet – nicht mit Vorwürfen, sondern mit dem Wunsch, einander besser zu verstehen.

Denn hinter jeder Familie stehen Menschen mit ihren eigenen Ängsten, Grenzen und Geschichten. Und vielleicht ist genau das die Stärke von Familie: Nicht, dass niemand jemals verletzt wird. Sondern dass man trotz Verletzungen immer wieder versucht, aufeinander zuzugehen. Ich wünsche mir, dass meine Kinder erleben dürfen, dass Familie ein Ort sein kann, an dem man nicht perfekt sein muss. Ein Ort, an dem Anderssein selbstverständlich sein darf. Ein Ort, an dem man nicht erklären muss, warum das eigene Leben anders ist. Und vielleicht beginnt Versöhnung manchmal mit einem ganz einfachen Satz: „Lass uns noch einmal miteinander reden.“

Denn Familie ist nichts für Feiglinge. Aber vielleicht ist sie genau deshalb etwas, für das es sich lohnt, mutig zu bleiben.

Veröffentlicht von piri

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Im Autismus-Spektrum bin ich obendrein und habe Wünsche. In Momenten, in denen ich an mir und meiner Arbeit zweifle und meine, nichts Gutes auf die Reihe zu bekommen, denke ich manchmal daran, mir kurz das, was ich schon geschafft habe, anzuschauen. Dann geht's wieder. ❤️ | ✨

7 Gedanken zu „Familie ist nichts für Feiglinge“

  1. Anne Seltmann sagt:

    Huhu liebe piri!
    Ein sehr ehrlicher und berührender Text. Besonders schön finde ich, dass du nicht mit dem Finger auf jemanden zeigst, sondern auch die Unsicherheit, Überforderung und Hilflosigkeit der anderen Seite mitdenkst. Das macht deine Worte so menschlich.
    Familie bedeutet eben nicht, dass alle immer alles richtig machen. Und manchmal entstehen Verletzungen gerade dort, wo eigentlich Liebe ist – weil Menschen nicht wissen, wie sie mit dem umgehen sollen, was plötzlich anders ist als erwartet.
    Der Satz „Nicht unbedingt Lösungen. Nicht perfekte Worte. Einfach das Gefühl: Wir gehören zusammen“ ist für mich der Kern des ganzen Textes.
    Und vielleicht ist genau das der Mut, von dem du am Ende sprichst: nicht darauf zu warten, dass der andere den ersten Schritt macht, sondern trotz Verletzung die Tür für ein Gespräch einen Spalt offen zu lassen.
    „Lass uns noch einmal miteinander reden.“
    Was für ein einfacher Satz. Und manchmal vielleicht einer der schwersten. ❤️

    Liebe Grüße

    Anne

    1. piri sagt:

      Danke Anne, danke für deine wertschätzende Kommentare, die nicht nur aus einem Satz bestehen.
      Meine Geschwister liegen mir am Herzen, anscheinend ich nicht an ihren. Bis auf meine jüngste Schwester denken alle, dass ich zu viel jammere!

      Abendgruß gen Norden

    2. piri sagt:

      Nachtrag: Meine anderen Geschwister werden schweigen und so tun, als ob sie nicht gelesen hätten. Kennst du die drei Affen 見ざる、聞かざる、言わざる: nichts sehen, nichts hören und nichts sagen?
      So sind sie!

  2. M. - K. sagt:

    Liebe Petra,
    was für ein starker Text! Das war mein Gedanke beim Lesen.
    Ehrlich und zugleich Brücken-bildend.
    Dein letzter Nachtrag Kommentar spricht eine andere Sprache. Die eines enttäuschten Menschen.
    Und vermutlich, glaube ich, darf beides sein.
    Der Wunsch, Dinge zu begreifen, die man selbst nicht versteht, nicht gut heißt. Offen zu bleiben, Hände zu reichen. Und zugleich, verletzt zu sein, enttäuscht.
    Mensch eben.

    Das Bild ist herrlich! Und würde heute mit Sicherheit auf die „schwarze Liste“ gehören, so etwas mit seinem Kleinkind zu tun.
    Liebe Grüße aus dem Urlaub und die Hoffnung, dass es Wiebke wieder besser geht beziehungsweise Ihr zumindest Hilfe bekommt bei der medizinischen Situation.

    1. piri sagt:

      Beides ist meine Wahrheit und mein Empfinden. Mag gut sein, dass meine Geschwister das völlig anders sehen.

  3. anneeulia sagt:

    Wie bist Du in den Mülleimer gekommen?
    Was für ein Bild.
    Absicht oder Zufall?
    Deinem Text muss ich Dir zum größten Teil zustimmen.
    Ich weiß zwar nicht wie es ist 2 Kinder so groß zu ziehen wie Du es machst,
    aber was Familie und Geschwister angeht muss ich Dir voll und ganz zustimmen.
    Irgendwie ist hier was Geschwister und Schwestern bei uns auch der Wurm drin.

    1. piri sagt:

      Hast du Erinnerungen an dies Alter? Ich war ein Jahr alt, als dies Bild entstand.

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