Schlagwort: Angst

noch mal zur Schokolade

Liebe Stephanie, herzlichen Dank für dieses umfangreiche Schokoladenpäckchen! Es hat mich überrascht und gefreut haben wir uns alle darüber sehr. Momentan kann ich Nervennahrung gut gebrauchen. Hier ist alles durcheinander. In die Werkstatt zu gehen, ist für die Junioren schön, aber sie verstehen beide nicht wirklich, warum sie ihre Kumpel nicht sehen dürfen. Da Carsten und Wiebke nur im Förder- und Betreuungsbereich *untergebracht* sind, ist es nicht möglich in die eigentliche Werkstatt zu wechseln. Hygienevorschriften sind dagegen.

Mir geht’s nicht gut – wie ich gestern schon geschrieben habe, bin ich, da ich einigermaßen zur Ruhe kommen kann, krank. Kein Wunder. MamS ist auch immer zu Beginn des Urlaubs krank geworden. Ich habe gerade rekapituliert – nachdem ich doch den Krankenhausbericht gelesen habe, dass ich haarscharf am Tod vorbeigeschrammt bin. Oh Mann, jetzt weiß ich, dass noch ein großer Weg vor mir liegt.

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Alles ist gut? Nee, nicht wirklich. Gut war der Start in den Tag – kein meckern und meutern, angespannte Vorfreude. Vorfreude? Die Junioren jedenfalls sind enthusiastisch in den Tag gestolpert. Ich hatte Bauchweh. Ich habe immer Bauchweh. Etwas so, wie andere Leute Rücken haben. Mein Muffensausen ist jedenfalls außerordentlich heftig. Ich weiß nicht, was passiert. In der Werkstatt passiert. Die Erzählungen der Junioren sind widersprüchlich – was kann ich glauben? Dass sie gut aufgehoben sind, weiß ich. Allerdings kotzt Carsten wieder und isst noch weniger.

Manche meiner Ängste sind sehr real, aber nicht alle sind greifbar. Mir hat heute mein Doc gesagt, dass ich immer noch krank bin, immer noch Lungenentzündung habe und dass mein Geist (so hat er es nicht gesagt) aber dass meine Psyche noch sehr hinterherhinkt und ich wieder einmal nicht, wie schon nach dem Tod meines Mannes die Zeit habe, das zu verarbeiten. Ich soll nur im Moment sehr aufpassen, dass ich nicht auch noch körperlich krank werde. Von meinem Knubel unterm Fuß und denen in den Handflächen habe ich nichts erzählt. Und das mit dem Haarausfall hatte ich während der Sprechzeit völlig verdrängt.

Carsten und Wiebke gehen in die Werkstatt – ein paar Stunden am Tag. Eine sehr willkommene Abwechslung und ich falle. Ich funktioniere wieder gut und an diese Bauchschmerzen, die keine körperlichen Ursachen haben, werde ich mich wohl auch noch gewöhnen.

Montag | Wochenbeginn

Ist das überhaupt noch wichtig, dass die neue Woche beginnt?

 Für mich vielleicht schon, weil ich wieder anfange zu rotieren. Heute zum Beispiel kommen drei liebe Frauen und ein sehr netter Rollstuhlreparierer– zwei Therapeutinnen (Ergo- & Physiotherapie) und eine Haushaltshilfe – jede, von ihnen ist eine sehr nette tolle Frau. Sie kommen aber alle nur zu einem ungefähren Zeitpunkt. Ich dagegen muss die Junioren zum frühestmöglichen Termin angezogen und ‚fertiggemacht‘ haben. Danach sitzen wir sitze ich und warte darauf, dass die Leute kommen. Während ich warte, kann ich nichts machen, weil ich warte! Klingt paradox und überhaupt nicht logisch, ist aber so. Ich kann nichts planen! Asperger-Autisten planen gerne, mögen nicht, wenn die gewohnte Ordnung durcheinandergerät. Ich persönlich kann es schon gar nicht haben herumzusitzen – wie gerade jetzt – wenn noch eine unerledigte Aufgabe ansteht. Ich kann diese aber nicht machen, weil die Junioren noch schlafen und ich sie nicht wecken mag, weil beide eine Nacht mit Alpträumen hinter sich haben. So gerate ich unter Zeitdruck und das macht mir Stress. – Bitte keine Ratschläge, wie ich das besser händeln könnte, ich weiß es. Aber auch, wenn ich einen der Junioren wecken würde, dann hätte ich Stress. Denn Carsten würde mosern: „Warum muss ich so früh aufstehen?“ Wiebke würde vielleicht sogar schreien.

 Keine Struktur zu haben, keine von außen, bringt mich aus dem Rhythmus und eine eigene Struktur kann ich nicht aufbauen, weil von außen zu unbestimmten immer anderen Zeiten die Therapeuten kommen. Mein Tag ist auseinandergerissen.

 Den Junioren macht das zu schaffen. Wiebke ist selber Autistin und verweigert, wenn ihr nicht plausibel erscheint, dass das und das getan werden muss, die Mithilfe. Da kann man sich auf die Hinterbeine stellen, schreien, bitten, betteln – Wiebke ist stur. Ich finde es toll, ihre Konsequenz. Aber sie muss auch nicht den enttäuschten Menschen einigermaßen diplomatisch erzählen, dass das und das nur eine Folge der Behinderung ist. Ihr sieht man das nach – mir nicht.

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 Wiebke ist wach, sie ruft nach mir. Sie kann selber nicht – also werde ich sie aufs Klo setzen, sie anziehen und dafür sorgen, dass ihr Tagesbeginn so sanft wie möglich ist. Carsten lasse ich noch etwas schlafen…

 … aber gleich oder später oder jetzt kommt die Haushaltshelferin (noch diese Woche, dann kommt niemand mehr. Die Krankenkasse hat auch ihr Limit.).

 Einen guten Wochenstart euch allen!

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