Gedankenertappt

Manchmal ertappe ich mich dabei: ich denke, also bin ich traurig.

Erinnerungen kommen, die nicht geklärt sind, die nicht besprochen wurden und über deren negative Auswirkungen ich immer wieder neu nachdenke. Ein Gedanke kommt hoch (wie aus den Mägen der Kuh) und bringt einen zweiten mit, der auch nicht geregelt ist. Zusammen machen sie Bauchschmerzen, aber eine Aussprache gibt’s nicht. Sie liegen sprichwörtlich im Magen.

Unterschwellig gärt es, blubbert. Ein übler Geruch liegt in der Luft und niemand mag es riechen wollen. Wie bei einem Silo kommt der Deckel drauf.

Wir haben keinen Pansen, der uns unsere Gedanken wieder hochschickt und wir sie wiederkäuen können. Wir machen es dennoch.

Wir machen es nicht klein und schicken die blöden Gedanken nach ein paar Tagen in den nächsten Magen. Dort ruht das Futter. Meine Gedanken kommen nicht zur Ruhe, ich geben ihnen kaum Gelegenheit dazu. Ich schicke die blöden Gedanken gar nicht erst in den Labmagen. Bei mir kommt’s nicht zum Verdauen. Bei mir bleibt alles irgendwie im Netzmagen hängen, oder im Rumen (Pansen). Dort rumort es und wenn ich mich nicht ausspreche, liegt es auch noch Jahre später dort und schmerzt.

Nachgedanken zu Annes schönen Beitrag: sprachsalat-a-la-carte – Wortperlen – DesignBlog

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Im Autismus-Spektrum bin ich obendrein und habe Wünsche. In Momenten, in denen ich an mir und meiner Arbeit zweifle und meine, nichts Gutes auf die Reihe zu bekommen, denke ich manchmal daran, mir kurz das, was ich schon geschafft habe, anzuschauen. Dann geht's wieder. ❤️ | ✨

Kategorien: Gedankenchaos

8 Kommentare

  1. Was für ein tolles Bild.

  2. Das Mögesternchen steht dafür, dass mir dein Text gefällt. Ruminieren heißt das also. Es ist ein gutes Bild, das Bild des Kuhmagens für wiedergekäute Gedanken.
    Eins mag ich noch hinzufügen:
    Manchmal erinnere ich eine Situation, in der ich etwas tat oder sagte, wieder und wieder. Manchmal zig Male und oft aus dem Grund, weil ich herausfinden will, wie ich hätte besser reagieren können. Manchmal steht am Ende solcher Verdauungsprozesse dann eine Erkenntnis, ein neuer Kurs und in manchen Fällen erkenne ich auch, dass nicht ich es war, die „falsch“ oder unangemessen agiert hat. Und solche Reflexionen sind konstruktiv und nahrhaft, weil sie verarbeiten oder stärker machen.

    Liebe Grüße
    Amélie

  3. Danke fürs Erwähnen liebe piri!

    Dein Text beschreibt, das viele Menschen kennen: Gedanken, die nicht gehen wollen. Dinge, die nie ausgesprochen wurden, nie geklärt werden konnten und deshalb immer wieder an die Oberfläche kommen.
    Besonders stark finde ich das Bild mit dem Wiederkäuen. Wir Menschen haben zwar keinen Pansen, aber wir besitzen die erstaunliche Fähigkeit, alte Verletzungen immer wieder hervorzuholen, sie von allen Seiten zu betrachten und ihnen damit ein langes Leben zu schenken. Oft viel länger, als sie verdient hätten.
    Und doch lese ich aus dem Text nicht nur Traurigkeit, sondern auch eine große Ehrlichkeit heraus. Denn der erste Schritt ist oft überhaupt zu erkennen, was da im Inneren rumort. Viele drücken den Deckel immer fester zu, ohne jemals hinzusehen.
    Vielleicht müssen nicht alle Gedanken vollständig verdaut werden. Manche bleiben Teil unserer Geschichte. Aber sie verlieren an Schwere, wenn wir ihnen einen Namen geben, sie teilen oder aufschreiben.
    Was mich an diesem Text besonders anspricht: Er beschreibt nicht das Scheitern am Loslassen, sondern sehr menschlich den Versuch zu verstehen, warum manche Dinge so lange in uns bleiben.
    Und vielleicht ist das manchmal schon der Anfang eines Verdauungsprozesses: nicht länger gegen die Gedanken anzukämpfen, sondern ihnen zuzuhören, bis sie leiser werden.

    ❤️

Copyright © 2026 voller worte – mit und ohne Innenfutter

Theme von Anders Norén↑ ↑

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.