Behinderung, Kuddelmuddel

Stille | wieder nur Splitter

Samstagmorgens ist es still im Haus. Ich möchte diese Ruhe nicht zerstören und bin sehr leise. Mache mir in der Küche einen Kaffee und verschwinde im Spielzimmer an den PC. Meine Augen sind verquollener als gestern und die Haut spannt. Ein Zombie!

Den gestrigen Tag habe ich am Radio erlebt. Der 9. November ist ein Schicksalstag für Deutschland. Ich persönlich hätte ihn als Nationalfeiertag* ausgerufen – der 3. Oktober ist es für mich nicht, das ist ein konstruierter Feiertag.

* …und nicht nur ich bin dieser Meinung!

In der Stadt war ich auch  – kurz, eine Hose kaufen. So verquollen und rot im Gesicht, mit einem alten Pullover und einfachen Turnschuhen. Kleider machen Leute! Aber warum muss man sich zum Klamotten einkaufen stylen? Jedenfalls hat mich die Verkäuferin erst einmal gar nicht gesehen. Als ich sie ansprach, taxierte sie mich von oben bis unten und wollte gleich wieder verschwinden. Ich sah wohl so aus, als ob ich kein Geld hätte. Mein Mann hat das einmal sehr bewusst gemacht und ist zu einem teuren Herrenausstatter und hat sich neu einkleiden lassen. In den Laden ging er wie ein Clochard – wurde auch so behandelt. Er verlangte den Chefverkäufer und erklärte ihm, dass er  -auch wenn er so aussieht – dennoch das Geld hatte für einige Anzüge. Ab da an ging es! Ich hatte gestern nicht den Mut dazu, werde aber zu der Verkäuferin noch einmal gehen – komplett durchgestyled und schick geschminkt –  und mir einiges bringen und sie dann mit dem Berg stehen lassen. Wahrscheinlich wird sie mich gar nicht erkennen! Diese Lady verdient an mir keinen Cent mehr.

Wiebke ist frech! Gestern Abend zupft sie mich und zeigt auf ihre Hose und sagt: „Guck mal, Hose!“ Bei mir klingeln die Alarmglocken. Immer dann, wenn sie das so sagt, ist die Hose nass. Ich schimpfe. Sie feixt. Ich schicke sie ins Bad und hole eine frische Hose aus dem Schrank. Sie lacht. „Du hast keinen Grund zu lachen, es ist nicht schön in die Hose zu pinkeln.“ Ich setze mein Töchting aufs Klo und fühle nichts nasses. “ Hahaha, veräppelt! Du bist drauf reingefallen!“ Wir mussten beide lachen. Wir mussten alle lachen, denn Carsten hatte seine Schwester schon vorher durchschaut!

Einen tollen Samstag wünsche ich euch!

Kuddelmuddel

Fragmente

  • Frage: Was ist das Gegenteil von Angst? Ich brauche eine Affirmation.
  • Hausstaubmilbe lässt grüßen – mein Gesicht ist  verquollen. Hoffentlich ist das bis Montag wieder gut. Antihistaminika wirken aber relativ schnell, nur die Hautirritationen müssen halt abheilen. Ich kann mich nicht schminken und besonders die Haut um die Augen ist knallrot und sehr dünn.
  • Die Sonne scheint.
  • Der Adventskalender für die Junioren ist komplett.
  • Kaffee ist fertig, die Suppe gekocht und ich habe Hunger.
  • Die Freizeitrechnung ist auch schon da – nur die Ansichtskarte, auf die warte ich noch.
  • Ist Selbstvertrauen das Gegenteil von Angst?
Kuddelmuddel

ach, manchmal fällt mir keine Überschrift ein

Irgendwann hat der CD-Player zu spielen aufgehört. Ich habe es nicht bemerkt. Vor mir auf dem Wohnzimmertisch sehe ich eine Ansammlung von Dingen, die nichts mit mir zu tun haben – oder doch? Da ist ein leeres Weinglas, die Zeitung von gestern, das Aufgabenheft meiner Tochter, ein überfüllter Aschenbecher, meine Armbanduhr. Die ist allerdings interessant. Die Art, wie der Sekundenzeiger seine Runden über das blaue Ziffernblatt dreht, hat etwas Gnadenlos-Endgültiges.

Im Vorzimmer sind Schritte zu hören, kurz darauf das Rauschen von Wasser in der Küche. Silvia ist wohl noch einmal aufgestanden, um sich ein Glas Wasser zu holen. Nun steht sie in der Wohnzimmertür. Ich spüre ihren Blick auf mir, habe aber keine Lust, mich zu ihr umzudrehen. Diesen leicht angewiderten, leidenden Gesichtsausdruck, den sie jetzt sicher wieder hat, kenne ich zur Genüge.

„Was tust du denn noch? Komm ins Bett!“

Da ist ja auch wieder der besorgte und gleichzeitig vorwurfsvolle Unterton in ihrer Stimme.

„Gleich.“

Nach einem kurzen Moment des Wartens verlässt Silvia endlich mit einem Seufzen den Raum. Ich werde noch so lange hier sitzen bleiben, bis ich sicher sein kann, dass sie eingeschlafen ist. Es ist inzwischen zu einem beinahe allabendlichen Ritual zwischen uns geworden: ihr frühes Zu-Bett-Gehen, die Bitte, ich möge bald nachkommen, mein Ausharren im Wohnzimmer und meine anschließende Erleichterung beim Betreten des Schlafzimmers, wenn sich halbherzige Worte und Gesten erübrigen, weil sie schon schläft.

Aus der Küche ist das leise, stetige Tropfen des Wasserhahnes zu hören. Silvia hat ihn wohl wieder einmal nicht ordentlich zugedreht. Der Sekundenzeiger meiner Uhr rückt im selben Rhythmus wie das „Plopp! Plopp!“ der Wassertropfen voran. Soll ich mir noch ein Glas Wein holen? Nein, es ist zu mühsam. Ich fühle mich wie gelähmt. Die Zeit verrinnt, und es geschieht nichts. Natürlich geschieht ständig etwas: Gestern habe ich in der Firma einen wichtigen Auftrag an Land gezogen. Vor drei Tagen war ich mit Silvia in der Oper. Morgen werde ich mit meiner Tochter für die Englischarbeit üben. Doch all diese Dinge geschehen außerhalb von mir; ich sehe mir selbst dabei zu.

Wie lange ist es her, dass ich mich zum letzten Mal wirklich über etwas geärgert habe? Wann habe ich das letzte Mal aufrichtige Freude, Rührung oder Mitleid empfunden? Oder gar etwas, das den Namen Liebe verdient?

Scherze mit Freunden, geschäftliche Verhandlungen, Umarmungen meiner Tochter, Sex mit meiner Frau – alles läuft mechanisch ab und berührt mich nur an der Oberfläche. Nicht einmal die Musik vermag den unsichtbaren Panzer, der mein Inneres umgibt, noch zu durchdringen.

Irgendetwas muss geschehen, damit ich diese Distanz zu meinen eigenen Handlungen, zu den Menschen, die mich umgeben, und letzten Endes zu mir selbst überwinden kann. Irgendwie muss ich wieder lernen, mich lebendig zu fühlen. Noch weiß ich nicht wie, aber plötzlich bin ich sicher, dass ich es schaffen werde. Schluss mit dem zwanghaften Starren auf die Uhrzeiger und ab ins Badezimmer!

Vielleicht ist Silvia doch noch nicht eingeschlafen? Ich will sie in die Arme nehmen und ihr sagen, dass ich ab morgen wieder zu leben beginnen werde. Vielleicht werde ich bei dieser Umarmung sogar wieder ein bisschen Wärme und Zuneigung empfinden? Wahrscheinlich wird Silvia nicht gleich verstehen, was ich meine, aber sie wird spüren, dass sich etwas zu verändern beginnt.

Was ist das für ein Gefühl, das mich unter der Dusche mit einemmal erfüllt? Hoffnung? Vorfreude? Ich kann es kaum fassen – bin ich tatsächlich noch zu solchen Empfindungen fähig?

Leise betrete ich das Schlafzimmer und nähere mich im Dunkeln Silvias Bett. Behutsam taste ich nach der Bettdecke, streiche leicht darüber. Sie fühlt sich glatt und kühl an, da ist nichts uneben oder zerwühlt. Silvias Bett ist leer. Erst jetzt bemerke ich, dass das Fenster weit geöffnet ist. Der kalte Luftzug, der hereindringt, lässt mich frösteln.