Wir müssen unser Dasein so weit, als es irgend geht, annehmen; alles, auch das Unerhörte, muss darin möglich sein. Das ist im Grunde der einzige Mut, den man von uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann.
Gestern Abend habe ich Muße gefunden einmal wieder Rilke zu lesen. Ich kann das nur häppchenweise, denn wie viele Frauen meiner Generation einen Narren an Hesse gefressen haben, so ist das bei mir Rilke. Der Mensch, als solches ist mir suspekt – er muss ein wahrer Macho gewesen sein. Dennoch mag ich seine Gedichte. Sie regen mich auf und an zum Nachdenken. Gerade dieses Zitat, das aus einem Brief an Kappus stammt, beschäftigt mich gerade in dieser Zeit. Mut ist ein Thema, ein starkes Thema für mich. Und gerade weil ich ängstlich bin, bin ich auch sehr mutig – war es schon immer. Erinnern kann ich mich, dass ich als Kind auf die höchsten Bäume geklettert bin und Blut und Wasser geschwitzt habe, dass ich mir nicht nehmen ließ, Felsen hochzuklettern und Kirchtürme waren nur beim Hinuntersteigen eine Herausforderung für mich. Dennoch habe ich meine Angst nie verloren, auch wenn ich noch so waghalsigste Dinge machte. Die Angst ist in mir. Wenn ich etwas machen kann – auf Türme steigen zum Beispiel – dann kann ich die Angst annehmen, besiegen will ich sie ja gar nicht. Aber wenn ich eine diffuse Angst habe, eine nicht greifbare eine surreale – vorm telefonieren zum Beispiel – dann steht sie, wie der schwarze Hund vor mir und ich bin wie gelähmt.
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Heute muss ich einige Telefonate führen, mein ganzer Körper zittert. Ich weiß, ich werde es schaffen – aber ich brauche ne Menge Mut!