Behinderung, Gedanken, Kuddelmuddel

Kopf sagt: Ja – Bauch sagt: Nein

Oder ist es umgekehrt? Der Kopf sagt, dass ich mich mehr zeigen, unter Menschen gehen soll. Der Bauch mit der Soziophobie sagt dazu entschieden Nein. Ich kann es nicht! Ich habe es heute morgen wieder versucht und bin gescheitert. Nicht auf der ganzen Linie. Aber den Schein zu wahren, die Fassade aufzubauen, die Maske vor fremden Menschen zu halten – das kostet Energie. Was hatte ich für eine Wahl? Einzig und allein die Option, dass ich den Gang zum Bürgerbüro verschiebe! Aber früher oder später hätte ich hingehen und den Personalausweis von Wiebke abholen müssen. Als taffe tapfere Frau mache ich das doch zwischen Baum und Borke. So sieht es aus! So selbstbewusst, so ganz starke Mutter zweier behinderter Kinder.

Einen Ausweis abholen, das kann doch jedes Kind – ich habe es ja auch gekonnt!

…und dann bin ich einkaufen gefahren! Nicht im Lebensmittelladen gleich neben dem Rathaus – nein, in den übernächsten Einkaufsmarkt, weil ich, aus dem Augenwinkel sah, dass eine Frau den Laden betrat und ich ihr nicht begegnen wollte. Da nahm ich doch lieber einen großen Umweg in Kauf, weil ich nicht mit der Bekannten reden wollte. Ich möchte über ein bestimmtes Thema nicht reden – da nehme ich lieber Reißaus, als mich dem zu stellen. Auch ein Asperger Thema! Manchmal kann ich mich dem stellen, aber wenn ich übervoll bin, dann passt nichts mehr rein, dann gehe ich den Weg des geringsten Widerstands und ziehe den imaginären Schwanz ein.

Je mehr ich ausweiche, je mehr ich mich verkrieche, umso mehr sehne ich mich nach Menschen. Völlig ambivalent und überhaupt nicht logisch. Kontraproduktiv und mir selbst im Raum stehend. Da weiß mein Kopf, dass ich präsent sein soll, einfach da sein, mich zeigen soll – und mein Bauch sucht unsicher das nächste, noch so kleine Loch, mich drin zu verkriechen.

Veröffentlicht von piri ulbrich

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Asperger-Autistin bin ich obendrein auch. ❤️ -*-*-*-*-*-*-*-*- In Momenten, in denen ich an mir und meiner Arbeit zweifle und meine, nichts Gutes auf die Reihe zu bekommen, denke ich manchmal daran, mir kurz das, was ich schon geschaffen habe, anzuschauen. Dann geht's wieder ...

11 Gedanken zu „Kopf sagt: Ja – Bauch sagt: Nein“

  1. freiedenkerin sagt:

    Oh, diese heftigen und oft ewig langen inneren Kämpfe, ob man denn nun unter Menschen gehen soll oder nicht, das zermürbende Abwägen von Unternehmungen bis ins letzte Detail – seit etwa einer Woche weiß ich übrigens, dass ich auch das Asperger Syndrom habe…

  2. mijonisreise sagt:

    Lass dir Zeit, piri

    1. piri ulbrich sagt:

      Ich weiß wieder nicht was du damit meinst, dass ich mir Zeit lassen soll! Warum? Was hat die Zeit mit meiner Asperger Problematik und der Soziophobie zu tun. Ich stelle mich nicht dumm – ich weiß es wirklich nicht!

      1. mijonisreise sagt:

        Entschuldige, das meine Antwort erst jetzt kommt.
        Ich meinte mit Zeit lassen, dich nicht selbst so unter Druck zu setzen.
        Schau mal, du hast deine Kinder, für die du da bist und da sind andere Dinge, die dich zur Zeit beschäftigen, wie die Trauer.
        Das da Kopf und Bauch völlig andere Richtungen vorgeben ist normal.
        Du machst das schon richtig, wenn du Menschen aus dem Weg gehst, weil du keine Lust auf Gespräche hast.
        Ich bin mir sicher, das es auch bald wieder aussieht und es dir dann wieder nichts ausmacht.

      2. B sagt:

        Ich denke, dass sie meint, dass Du alles langsam nacheinander angehen sollst. Du solltest Dich nicht unter Druck setzen. So habe ich es verstanden und sehe es ähnlich.

  3. Wechselweib sagt:

    Ich finde es manchmal auch anstrengend, den Schein zu wahren /eine Rolle zu spielen und war deshalb auf einem mehrtägigen Fest, das hier gerade stattfand, nicht. Manchmal geht es halt nicht.

  4. gerda kazakou sagt:

    Ich weiß nicht, Piri, ob es nützlich ist, deine Sozialphobien unter dem Etikett Asperger zu betrachten. Denn das klingt nach Krankheit und nach Unausweichlichkeit. Das “hat man” – die Wissenschaft hat es bescheinigt. Reicht es nicht, dass du feststelllst, dass du diese Sozialphobien hast? Und dass es schwer ist, damit zu leben? In dem einen und anderen Maße haben wohl die meisten Menschen solche “Behinderung”, ich jedenfalls kenne sie sehr gut. Wie oft wollte ich zB in die Stadt fahren, um eine Ausstellung anzusehen oder einen Vortrag zu hören oder an einem Seminar teilzunehmen – und schaffte es nicht, die innere Hemmung zu überwinden. Andere Male schaffte ich es aufzubrechen, aber verlief mich, verfuhr mich, geriet in Panik, kehrte auf halber Strecke um. Wer mich zu kennen meint, glaubt es nicht,hält mich für stark und selbstbewusst und jeder Situation gewachsen. Pustekuchen! Es ist ein ständiger Kampf, den ich mal gewinne, mal verliere.
    Wie mir geht es sicher unzähligen Menschen – ein Grund, warum die Social media so beliebt sind. Da kann man die Sozialkontakte aus sicherer Entfernung von seinem Schreibtisch aus managen. Und auch Behördengänge werden immer mehr automatisiert, digitalisiert. So wird es immer weniger notwendig, die eigene Bude zu verlassen, und die Hemmschwellen wachsen.

    1. piri ulbrich sagt:

      Was ist nützlich? Tatsächlich können Behinderungen auch nützlich sein. Ich Ruhe mich nicht aus und sage: Das ist so und damit basta! Und ich weiß auch, dass ich beileibe nicht alleine bin und andere Menschen ähnliche Ängste ausstehen, wenn sie den heimischen Herd verlassen sollen, müssen, können, dürfen.
      Das Internet ist Segen und Fluch zugleich. Es zeigt Nähe auf, wo keine ist – denn Entfernungen sind virtuell überbrückbar, nur ganz real schaffen sie eher noch mehr Distanz. Die Sehnsucht nach einem Gegenüber kann auch eine Freundin, die Kilometerweit entfernt ist nur spärlich stillen. Eigentlich wird mir dadurch noch bewusster, dass ich alleine bin.

      1. gerda kazakou sagt:

        genauso meinte ich, was ich zum internet schrieb. Ich habe gerade jetzt zwei Tage mit einer Freundin verbracht, und es hat mir unendlich gut getan. Der virtuelle Austausch ist was vollkommen anderes, und wer die beiden verwechselt, bleibt schließlich trostlos und allein. Du ringst verzweifelt um dies Stückchen realen Lebens. Wenige sehen es in der Klarheit, wie du es hier beschreibst. Ich wünsche dir viel Kraft für diesen Kampf und auch Erfolg, den besonders, dass es dir gelingt, reale Menschen, die den Austausch mit dir genießen, für dich zu gewinnen.

  5. Ursula sagt:

    Ich habe vorhin was Ähnliches gemacht…
    Einen Umweg in Kauf genommen und sogar auf etwas verzichtet um jemand nicht zu treffen, den ich eigentlich sehr mag, Aber sie zieht einfach Zuviel Kraft ab

  6. Paula sagt:

    Eine “Soziophobie” habe ich bei Dir nicht bemerkt. Wenn Du gut drauf bist, kannst Du sogar mit netten Leuten spontan in der S-Bahn quatschen, einfach so. Und wenn es einem nicht gut geht, ist Rückzug völlig normal, denn man braucht seine gesamte Energie für sich selbst. Viele Leute wollen ja auch etwas haben und nicht nur geben.

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