Malen ohne Zahlen

Wiebke malt sehr schwungvoll “Du Mama, ich habe überhaupt keinen Bock zu malen!” Carsten verdreht die Augen und zieht Leine. “Ich will lieber spielen!”

Hach, wenn ihr glaubt, dass er nach zwei gewonnenen MenschÄrgereDichNicht ein drittes meint, so täuscht ihr euch. Er will lieber Computer dödeln. Okay, seine Entscheidung. So fährt er, mit Sondergenehmigung Bananen nach Schottland. Wiebke will malen.Malbrett Krickelkrackel und schon ist ein Kunstwerk fertig. Schnell muss es gehen – Geduld ist ihre stärkste Schwäche.

Inzwischen ist Fußballzeit und unser Trainer mit abc-Lizenz kommentiert das Länderspiel. Ich muss mal schauen, ob es noch ein Foto davon gibt!? “…und jetzt hat er das Tor nicht reingemacht!” “Was ist mit den Deutschen los?” “Hey, rennt!”
Fußballprofi

nachts

Eigentlich bin ich gerade eingeschlafen, aber uneigentlich ist es an der Zeit Carsten umzulagern – sprich, den Kerle aus der Bauchlage in die Rückenlage drehen, und dies am besten ohne, dass er dabei aufwacht!

Warum muss ich ihn drehen? Kann er das nicht alleine?

Carsten hat eine Tetraspastik. – Wiebke auch, aber sie ist körperlich wesentlich besser dran. – Tagsüber, wenn er sich bewusst bewegen kann ist jede Bewegung schon nicht so automatisch, wie bei dir oder bei mir. Nachts ist es schier unmöglich! Wenn der Kerle also einigermaßen bequem liegt, dann liegt er. Allerdings besteht die Gefahr des ‘Wundliegens’ und da mein Sohn sowieso hauptsächlich aus Haut und Knochen besteht, kann es ganz schnell vorkommen, dass er eine offene Wunde an den Knien bekommt…

Jede Nacht schleiche ich ins Jungszimmer, drehe den Kerle auf den Rücken, decke ihn liebevoll wieder zu, bete eindringlich, dass er nicht aufwacht und mich in eine Diskussion verwickeln will und schleiche weiter ins Zimmer der Tochter.

Wiebke muss zwar nicht gebettet, dafür aber zurück ins Bett geschubst werden. Mein Töchting hat nämlich die Angewohnheit wie Pipi Langstrumpf zu schlafen. Quer, schräg oder gar mit den Füßen nach oben. Oft hängt auch nur der nackte Po auf Halbmast aus dem Bett heraus.

Heute Nacht habe ich glatt verschissen! Carsten ist aufgewacht und fing sofort an über Flugzeuge, die sicher und Piloten, die irre sind, zu reden. Darüber, dass er diesen Medienrummel schlimm findet und dass das alles sehr dramatisch ist, aber niemand das Recht hat, alles “so zu zereden”. “Da sind ganz schön viele Dichter unterwegs”, meint er! Nach Dichtung und Carstens Weisheit mitten in der Nacht ist mir aber gar nicht. Nachts möchte ich schlafen und das hab ich meinem Sohn auch unmissverständlich gesagt. Um Himmels Willen, was habe ich da bloß angerichtet? Plötzlich schießen ihm Tränen in die Augen und alles Wehdam der Welt ist seins. Ungerecht, sei es auf der Erde. Es gibt zu viele Kriege und zu viel Leid. Menschen würden gequält und die Umwelt belastet. Das Meerschweinchen im anderen Dorf ist gestorben, weil der kleine Besitzer es zutode geliebt hätte […]

Mitten in der Nacht eine Grundsatzdiskussion – das ist zu viel für mich! Ich habe meinen Sohn liebevoll zugedeckt, ihn noch einen Kuss auf den Scheitel gedrückt und bin mit Fragen über Fragen zurück in mein Bett…

Gedicht des Tages

Ich möchte, dass du
eines weißt.

Du weißt ja, wie das ist:
Betrachte ich
den kristallenen Mond, den roten Zweig
des säumigen Herbstes an meinem Fenster,
berühre ich
beim Feuer
die ungreifbare Asche
oder die runzeligen Körper des Holzes,
bringt mich das alles zu dir,
als wäre alles, was da ist,
Düfte, Licht, Metalle,
nichts anderes als ein Schwarm kleiner Schiffe,
hinsegelnd zu deinen Inseln, die mich erwarten.

Nun aber,
wenn du allmählich aufhörst, mich zu lieben,
werde ich aufhören, dich zu lieben, allmählich.

Wenn du auf einmal
mich vergisst,
suche nicht nach mir,
denn ich werde dich schon vergessen haben.

Scheint er dir lang und irre lodernd,
der Fahnenwind,
der mein Leben durchweht,
und entscheidest du dich,
mich auszusetzen am Rand
des Herzens, in dem ich verwurzelt bin,
so bedenke,
dass am selben Tag,
zur selben Stunde,
ich die Arme erhebe
und meine Wurzeln sich aufmachen,
einen anderen Boden zu suchen.

Doch wenn du
jeden Tag,
jede Stunde
empfindest, dass du für mich bestimmt bist,
mit unverrückbarer Süße,
wenn jeden Tag
eine Blüte aufsprießt zu deinen Lippen,
um mich zu suchen,
ach, meine Liebe, ach, meine,
so wiederholt sich in mir all dies Feuer,
und nichts erlischt in mir, nichts wird vergessen,
meine Liebe nährt sich von deiner Liebe, Geliebter,
und solange du lebst, wird sie in deinen Armen sein,
ohne die meinen zu verlassen.

Pablo Neruda

Allein – gelassen

Ich habe beschlossen, in die Offensive zu gehen. Ich möchte hier auf diesem Blog erzählen wie es ist, als alleinstehende Mutter mit zwei behinderten Junioren zu leben.

Es wird hart werden, hier zu lesen! Es wird (hoffentlich) Spaß machen! Auf jeden Fall wird es etwas sein, das für sehr viele von euch sehr exotisch erscheint. Denn, hier ist nichts normal und doch alles so normal wie möglich. Ich werde versuchen unseren Alltag schonungslos zu schildern – mit allen Höhen, aber auch mit den Tiefen. Wir laufen bzw. rollen nicht mit Trauermiene durch die Gegend. Wir sind nicht unpolitisch und der Kunst nicht abgeneigt. Manchmal sind wir sehr eingeschränkt oder werden es durch unsere Umwelt. Ich bin stark und erfinderisch, möchte den Junioren ein gutes Leben ermöglichen und muss oft die Steine, die uns im Weg liegen beiseiteschaffen. Dass man daraus ein Haus bauen kann, halte ich für ein Gerücht; doch zumindest bunt anmalen kann man sie…