Abendbrotgespräch

Vorab; bei uns wird über alles geredet. Von imaginären Autofahrten quer durch die Republik bis zu Papageien, die kein Bändel am Kopf haben!

Heute war – wie schon so oft in letzter Zeit – das Thema Flüchtlinge dran. Wiebke mag es nicht und so widmete sie sich ganz ihrem Käse…
Carsten guckt sich seine drei Stückchen Brot an, dann die aufgeschnittene Tomate und sagt: Tomaten sind doch auch was orientalisches, oder? Warum gibt’s bei uns eigentlich keine Flüchtlinge? Und Mama, der Ayoub, der kann doch im Gästezimmer schlafen, der hat so tolle braune Augen! Ich kann dann, was sprechen die eigentlich in Syrien für eine Sprache?, ich kann dann diese Sprache lernen und wir lernen gemeinsam dein schrottiges Englisch und reden nebenbei Deutsch!

Dieser Kerle, dieser, mein Sohn, er verblüfft mich immer wieder – er ist eine Wundertüte. Vielleicht mache ich es doch!


Steht auf

Die Landkarte der Gewalt ist und wird immer mehr um einen Schandfleck größer. Jetzt erst um ein Fleckchen Erde, von dem ich gestern geschrieben habe, dass dort Nissenhütten standen. Salzhemmendorf – ein Dorf meiner Kindheit. Fast jeden Tag wird irgendwo in Deutschland eine Unterkunft für Flüchtlinge angegriffen, bevorzugt in ländlichen Regionen. Es ist schmerzhaft, aber der Funke, der es einst gewesen ist, wird zum Flächenbrand.

Fremdenfeindliche Hetze im Internet führt nicht automatisch zu Brandanschlägen, aber sie stigmatisiert, senkt Hemmschwellen, erzeugt ein Klima der Aggression. Es reicht nicht mehr, sich genervt aus solchen Debatten zurückzuziehen. Wir müssen den dumpfen Ressentiments und Sündenbock-Reflexen entgegentreten. Flagge zeigen für Toleranz und Rechtsstaat. Nicht defensiv, sondern mit allem Selbstbewusstsein. Denn wir sind die Mehrheit.

Auch Anfang der 1990er Jahre mussten Flüchtlinge in Deutschland um ihr Leben fürchten, nicht nur in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, auch in Mölln und Solingen. Doch anders als damals gibt es heute eine breite, fühlbare Solidarität mit Flüchtlingen. Die amtlichen und ehrenamtlichen Helfer auch in unserer/meiner Umgebung können die vielen Hilfsangebote kaum noch bewältigen. Die enorme Aufnahme- und Hilfsbereitschaft der Menschen ist ebenso Teil der Wirklichkeit, gerade an einem entsetzlichen Tag wie heute sollte sie nicht in den Hintergrund treten.

Aber es geht spätestens seit heute nicht mehr nur darum zu spenden. Wir müssen aufstehen und dem rechten Parolengeschmetter die rote Karte zeigen.