Seit sechs Uhr morgens läuft mein Hirn ohne Pause: Menschen, Gespräche, Erledigungen, kein Rückzug, nicht einmal fünf Minuten für mich – völlig zugequatscht. Sätze prasseln auf mich ein. Im Haus bewegt sich ständig jemand, ein Hund läuft durch den Raum, ein junger Hund ist aufgeregt, fremde Menschen sind da. Nichts davon ist schlimm. Aber alles kommt gleichzeitig.
Mein Kochfeld funktioniert nicht – es ist neu und nichts geht. Sogar ein Elektrikerbekannter bekommt‘s nicht hin.
Irgendwann fühlt sich jedes weitere gesprochene Wort körperlich an. Die schnellen Sätze bleiben nicht mehr draußen, sondern setzen sich unter meine Haut. Mein Körper verspannt, während ich äußerlich noch so tue, als wäre alles völlig normal. Die Wunschtochter redet ununterbrochen, deren Sohn habe ich von der Schule abgeholt Sie wollen mittags zu McDonald’s. Ausgerechnet! Ich bin nicht begeistert, gehe dennoch mit.
Mein Kopf rattert mit diesem dumpfen inneren Vibrieren, bei dem kein Gedanke mehr richtig zu Ende kommt. Alles ist gleichzeitig da: Stimmen, Bewegungen, Erwartungen, kleine Entscheidungen. Ich kann nichts mehr sortieren. Im Hirn ist nur noch Gedränge.
Der Tag ist noch nicht vorbei. Um kurz nach drei kommen Carsten, Wiebke und die Bandkollegin. Ich freue mich auf sie. Aber genau das ist das Absurde. Ich möchte, dass für einen Moment nichts mehr auf mich trifft. Keine Stimme. Kein Gespräch. Keine Fragen. Keine Bewegung. Nur Ruhe. Am liebsten würde ich mich in die hinterste Ecke des Kellers setzen, die Tür zumachen, das Licht löschen und warten, bis mein Körper still wird.
Mein armes neurodivergentes Hirn braucht keine Lösung. Es braucht fünf Minuten, in denen niemand etwas will.
Trude sagt:
Es gibt Momente, da ist einem alles zu viel. Und besonders auf einmal.
Ich wünsche dir, das du schnell deinen Rückzugsort findest.
piri sagt:
Diese Momente möchte ich niemanden absprechen. Aber Menschen, wie ich, im Autismus-Spektrum platzen innerlich und suchen die Fehler im System immer bei sich.
Berndt Baumgart sagt:
Kann ich als im Autismus-Spektrum gefangener Mensch gut verstehen. Habe mir für die von dir oben beschriebenen Momente eine kleine Hilfe gebaut. Im Kopf baue ich mir eine goldene Kugel, die mich umgibt. Einflüsse oder Bedrohungen von außen kommen dann nicht mehr an mich heran. Die Menschen sehen mich zwar und versuchen bisweilen, mich zu konktaktieren, prallen aber an der goldenen Kugel ab. Ich fühle mich in der Kugel unverwundbar, bin mitten unter Menschen, aber kein Teil von ihnen. Sie spüren das und lassen mich mehr und mehr in Ruhe. Wenn ich wieder genug Kraft habe, komme ich aus der Kugel heraus.
piri sagt:
Hallo Berndt, maskieren kann ich auch sehr gut! Das mit der goldenen Kugel muss ich ausprobieren, weiß aber nicht, ob das bei mir klappt – denn ich bin permanent auf Empfang!
André sagt:
Hallo Piri,
ich brauche auch regelmäßig meine Ruhe. Das einfachste ist das Bedürfnis zu kommunizieren und sich einfach für 15 Minuten zurückziehen. Gerade bei Menschen die man häufiger trifft, gewöhnen sich die Personen daran.
Zum Beispiel bei der McDonald Situation., gibt’s viele andere Möglichkeiten. Nicht mitgehen oder Nachkommen oder getrennt anreisen und die Ruhe bei der Anreise genießen.
Den „Trick“ habe ich von einer Anekdote: „Wie schafft man es im Disney Land vorne auf der Lok mitzufahren? Man muss einfach fragen.“
piri sagt:
Hallo André, ich kenne die Strategien nur kann ich sie nicht anwenden. Nicht für jeden ist es so einfach sich einmal rausziehen. Ich hab ziemliche Verpflichtungen auch mit meinen Junioren und dementsprechend wenig Möglichkeiten mich ausklinken.
Und wenn’s um Fragen geht: da bin ich raus, das traue ich mich nicht!
André sagt:
Hallo Piri,
Über die Jahre haben mir verschiedene Dinge geholfen. Je nachdem, wo man gerade steht, ist man offen für das eine oder andere oder eben nicht. Vielleicht ist etwas dabei, was mit dir resoniert.
Für seine Kinder wächst man über sich hinaus. Die neu gewonnen „Fähigkeiten“ kann man dann auch für seine eigenen Bedürfnisse einsetzen
Gerade bei vielen Verpflichtungen muss auch Zeit für sich selbst eingeplant werden. Wer dauerhaft über die eigenen Grenzen geht, kann irgendwann auch den Verpflichtungen nicht mehr gerecht werden.
Kinder sind Kooperations-Weltmeister, wenn man ihnen Bedürfnisse und Handlungen erklärt/kommuniziert passen sie ihr Verhalten mit der Zeit an.
Kinder wollen selbstständig sein. Es ist auch wichtig für die Entwicklung von Selbstvertrauen. Deswegen ist es gut die Wohnung/ das Haus so zu gestalten das Kinder Dinge alleine machen können oder mithelfen können. Kindergeschirr, Anziehsachen, Bastel und Malzeug alles auf Kinderhöhe. Der positive Nebeneffekt, alles was das Kind selber macht, müssen die Eltern nicht machen.
Kindern die Freiräume geben selbstständig, alleine zu spielen / sich zu beschäftigen. (Ohne digitale Screens) – diese Dinge sind wichtig für die Konzentrationsfähigkeit und Selbstregulierung. Kinder können das auch schon im Kindergartenalter. Besonders Mütter tendieren dazu die Kinder dabei zu unterbrechen.
Positiver Nebeneffekt. Eltern haben auch mal ein kleines Zeitfenster für sich.
piri sagt:
Hallo André, du liest hier erst seit Kurzem mit und kannst nicht wissen, dass ich sehr sarkastisch auf Kommentare reagieren kann, die Ratschläge beinhalten. Bitte – ich freue mich über konstruktive Kommentare sehr. Lies vielleicht mal die Juniorenseite.
Einen guten Start in den Tag.