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Schubladen

Schon als Kind konnte man mich nicht in Schubladen stecken, obwohl es viele versucht haben:

Ich war die, die klein und dünn war.
War die, die auch schon zur damaligen Zeit oft in Hosen herumlief.
Die, die beobachtend im Hintergrund stand, aber an vorderste Stelle trat, wenn jemand benachteiligt wurde.

Ich war die, die Angst vor dem Telefon hatte.
War die, die in der benachbarten Gärtnerei alte Blumentöpfe klaute, um daraus Männchen zu basteln.
Die, die stolz ihre langen Haare zeigte, aber diese eines Tages ratzfatz selber abschnitt.

Ich war die, die von der Schule flog, weil sie sich nicht entschuldigen wollte.
War die, die niemals Haschisch rauchte.
Die, die sich selbst ihre Klamotten nähte.

Ich war die, die einen Männerberuf ergriff.
War die, die zur Abendschule ging.
Die, die morgens um 5 aufstehen musste.

Ich war die, die Angst vor XYungelöst hatte.
War die, die einem Epileptiker erste Hilfe leistete, weil sich sonst niemand das zutraute.
Die, die mit 16 Spiegel und Stern las.

Ich war die, die als einzige die Gesellenprüfung bestand und doch nicht übernommen wurde.
War die, die in einer kleinen Klitsche das Laufmädchen für alle war.
Die, die aufmuckte und Akzidenzen setzte.

Ich war die, die schwanger wurde.
War die, die ein behindertes Kind bekam.
Die, die deswegen Erzieherin wurde.

Ich war die, die Pennern half.
War die, die Angst im Dunkeln hat.
Die, die ein zweites behindertes Kind bekam.

Ich war die, die …

Immer wieder bin ich herausgerutscht aus den Schubladen, in die man mich gerade einsortiert hatte. Ich war Schülersprecherin, obwohl ich eine Heidenangst hatte, vor versammelter Mannschaft zu sprechen, war Elternsprecherin und wollte niemals in der Öffentlichkeit stehen. Aber mein größter Wunsch war, eine andere zu verkörpern und mein Herzenswunsch war, Schauspielerin zu werden.

[…] Kuddelmuddelgedanken

Autor: piri ulbrich

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Ein Kopf voller Fragen: Was denkt er gerade? Was ziehe ich heute an? Wo ist Süden? Soll ich, oder nicht? Warum habe ich in den 70er Jahren meine Haare so verunstaltet? Wie bekomme ich diesen Fleck weg? Was macht eigentlich die - ähm, wie heißt sie noch - die Dings, die... ömpf... die, die immer so schräg aussah? Was macht die Feuerwehr hier? Warum immer ich? Ist dein Blau mein Blau? Wer hat die Schokolade aufgegessen? Wieso regnet es schon wieder? Was? Wieso? Warum?

2 Kommentare

  1. War das bei euch wirklich ein Männerberuf? Bei uns waren das meistens Frauen in dem Bereich. Die Männer waren Drucker oder in der Weiterverarbeitung beschäftigt. Die Frauen mussten dann als erste umschulen, so wie sich das Berufsbild änderte.
    Gut, dass duu nicht in EINE Schublade passt.

ich freu mich über Kommentare

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