Familie, Gedanken

Adventsduft

Die Junioren liegen noch im Bett, der Tag weiß nicht was er werden will. Draußen ist es kalt. Unsere Treppe vorm Haus ist überfroren. Seitdem ich krank bin, mag ich so früh keinen Kaffee. Roiboshtee mit Ingwer wärmt nicht nur meine klammen Finger. Ich zünde eine Kerze an. Da kriech ein Geruch in meine Nase. Fichtennadeln und ein bisschen Plätzchen – die mit den Datteln, den süßen. Lange habe ich diese nicht gebacken. Es waren die Lieblingsplätzchen meines Mannes. Viel zu süß und klebrig. Carsten und Wiebke lieben sie gar nicht. Für sie dürfen es die neuen mit Zimt sein. Vom Tisch her duftet es fast kakophonisch.

Ich denke an die vergangenen Adventszeiten, an die meiner Kindheit, wo es aus der großelterlichen Wohnung nach Orangen und Nelken roch. Etwas was ich nicht mochte, aber unbedingt zur vorweihnachtlichen Zeit dazu gehört hat. Ich denke auch an die Zeit der Bratäpfel und verkohlten Kartoffeln – nicht schön, mit Krach und Ach. Die Gerüche sind meine Heimat. Ich bin froh, dass sie wieder da sind. Sie sind mein Seelenkissen und meine Hupe. Sie erinnern mich daran nicht alles so streng und ernst zu nehmen.

Adventsduft ist für mich auch ein überhitzter Raum mit viel zu vielen Menschen. Jeder hat seinen eigenen ursprünglichen Geruch und nicht unbedingt harmonisieren diese miteinander. Die Frauen in der Familie übertünchten ihn mit Parfüm und manchmal schmeckte mir die Schokolade nicht mehr, weil 4711 überhandnahm.

Meine Junioren sind inzwischen zur Werkstatt gefahren. Beide duften nach Cocosshampoo und frisch gewaschener Wäsche. Hier, im Haus, umhüllt mich der Geruch nach ausgeblasenen Kerzen und Wintermorgen. Die Waschmaschine rattert, mein Schreibkram wartet – aber den Duft der Erinnerung kann mir niemand nehmen.

Veröffentlicht von piri ulbrich

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Asperger-Autistin bin ich obendrein auch. ❤️ -*-*-*-*-*-*-*-*- In Momenten, in denen ich an mir und meiner Arbeit zweifle und meine, nichts Gutes auf die Reihe zu bekommen, denke ich manchmal daran, mir kurz das, was ich schon geschaffen habe, anzuschauen. Dann geht's wieder ...

7 Gedanken zu „Adventsduft“

  1. Alice sagt:

    Manchmal katapultiert mich ein Geruch in längst vergangene Zeiten. Das muss nicht Weihnachten sein. es war auch schon mal das Rasierwasser des verstorbenen Exfreundes, das zufällig ein Kollege trug oder ein Duftgemisch erinnerte mich an durchknutschte Näche mit 15 im Partykeller einer Freundin. Seltsam ist das, was unser Gehirn dann speichert. Wie viele Gefühle und Gedanken daran hängen.
    Ich wünsche dir einen angenehmen Tag und baldige Genesung
    Lieben Gruß
    Alice

    1. piri ulbrich sagt:

      Stimmt, es muss nicht Weihnachten sein. Aber ich habe gerade meinen Geruchsinn wieder bekommen – lange Zeit habe ich nichts riechen können, das ist nicht schön, denn so schmeckt auch alles nach Watte!

  2. Sonja sagt:

    So schön beschrieben! Besonders gefallen mir die Lieblingsplätzchen deines leider verstorbenen Mannes, die die Kinder so gar nicht mögen…
    Sicher fantastisch für dich, wieder riechen zu können…
    Und wenn sogar Schokolade nicht mehr schmeckte vor lauter Kölnisch Wasser, das ist ja Iiibäh…

  3. Paula sagt:

    Wunderbar, dass Du wieder riechen kannst, meiner Meinung fast der wichtigste der Sinne.

  4. mijonisreise sagt:

    Das ist ein wirklich schöner Beitrag.

  5. B sagt:

    Für mich ist riechen auch wichtig. Ich kann es nachempfinden, wie sehr Du es genießt, alles wieder durch die Nase zu erleben. Ich habe auch ein Geruchsgedächnis. Ganz oft kommen Erlebnisse zurück, wenn ich etwas rieche.
    Die Stimmung in Deinem Beitrag ist fast fühlbar. Liebe Grüße, Barbara

  6. Wechselweib sagt:

    Vielen Dank für diese Eindrücke und die tolle Schneeanimation.

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