Gedanken, Gedicht

gewartet

Ich habe gewartet.
Ich bin Treppen gestiegen.
Ich habe Papierschiffchen gefaltet.
Ich habe etwas zerrissen.
Ich bin vor einem Spiegel gesessen.
Ich habe meinem Töchting beim Singen zugehört.
Ich habe gesungen.
Ich habe einen Gottesdienst im Radio angehört.
Ich habe geweint.
Um die Toten des vergangenen Jahres und um die davor.
Ich habe meine Erinnerungen hervorgekramt.
Ich habe mir alte Fotos angeguckt.
Mir wurde ein Bild des Familiengrabes geschickt.
Ich habe mich gefreut.
Ich habe auch gelacht.
Ich habe gebetet.
Ich habe vorgelesen.
Ich habe gelacht und zugleich geweint.
Ich habe meinen Frieden mit den Lebenden und den Toten gemacht.

Gedicht

Lettera

Mein Körper ist schwer
wie Blei
Mein Kopf zentnerschwer
wie Stein
Ich bin müde
unsäglich müde

Die Jahre des Hasten
Jagen
des Recht machen müssen
des Verantwortlichsein lasten
lasten
lasten schwer

Ich kann den Sand nicht fühlen
imaginär
zu wenig
zu selten
hab ich ihn gespürt
tatsächlich

Hasten, jagen, rennen
spüre ich sofort
Herzklopfen, atemlos
Kopflos
Alles auf einmal
möglichst schon gemacht
damit das nächste
auch noch ganz schnell
einwandfrei
für alle
erledigt werden kann

Alle Zeit der Welt
hab ich
jetzt äußerlich
– doch innen drin?

©petra ulbrich