Behinderung, Familie, Gedanken, Kuddelmuddel, Musik

Bruddelalltag

Nicht anders, als sonst! Nur, nach dem Lockdown, morgens ein bisschen später und nachmittags ein wenig früher. Insgesamt etwas mehr als eineinhalb Stunden.

Alles gut! Aber ich hatte ganz vergessen, wie es unter (etwas) Zeitdruck ist, morgens den Kerle aus dem Bett zu bekommen und dem Töchting adäquate Kleidung anzuziehen. “Das T-Shirt mag ich heute nicht! Das ist zu rot!” Oder grün oder sucht euch eine Farbe aus. “Was möchtest du denn für eins anziehen?” “Weiß ich nicht!” Eigentlich müsste ich Fragezeichen und mehrere Ausrufezeichen schreiben, das sieht nur so unglaublich bescheuert aus. Bescheuert ist auch ein Ausdruck, den Wiebke gerade sehr mag. Alles ist irgendwie bescheuert. Dabei wird entweder gelacht, gegreint, geweint oder es werden lustige Grimassen gemacht. Bescheuert ist also relativ! Zumindest ist das T-Shirt heute Morgen nicht oberbescheuert gewesen.  Carsten hat nur keine Lust aufzustehen und zögert das Augenaufschlagen bis ins Unendliche hinaus. Ich lasse ihn bis kurz vor knapp liegen und bin so froh, dass er sich alles anziehen lässt …

Dafür isst er im Moment wieder fast nichts. Aus der Werkstatt bringt er die Hälfte seiner Nahrung mit heim. Ich verzweifle einmal wieder. “Mein Magen ist doch so klein, da passt nicht mehr rein!” Wisst ihr, ihr könnt euch das gar nicht vorstellen – es sei denn, ihr habt ein magersüchtiges Kind im Haus – es tut so weh zu sehen, wenn ich den Kerle wickle, wie die Rippen zu zählen sind. Aber alles, was ich versuche – essenstechnisch – geht in die Hose. Gegen anreden hilft auch nichts, denn Carsten ist nicht auf den Mund gefallen und hat wunderbare stichhaltige Argumente, warum er dieses und jenes gerade nicht essen kann oder will. Wenn ich lauter werde, holt er die Moralkeule raus.

Ich gehe bruddelnd in den Keller, wasche mal wieder Betten und dann werde ich in die Weinberge schleichen.

Veröffentlicht von piri ulbrich

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Asperger-Autistin bin ich obendrein auch. ❤️ -*-*-*-*-*-*-*-*- In Momenten, in denen ich an mir und meiner Arbeit zweifle und meine, nichts Gutes auf die Reihe zu bekommen, denke ich manchmal daran, mir kurz das, was ich schon geschaffen habe, anzuschauen. Dann geht's wieder ...

5 Gedanken zu „Bruddelalltag“

  1. Heike sagt:

    Carsten isst doch schon jahrelang so wenig ? (Es scheinen deine Ängste + Sorgen zu sein?
    Damit kann er wohl relativ “gut” leben …

    1. piri ulbrich sagt:

      Nichtsdestotrotz ist es immer wieder lebensbedrohlich!

    2. piri ulbrich sagt:

      Nachtrag: Es ist auch nichts anderes, dass Wiebke ständig ins Bett pinkelt und morgens beim Anziehen über die Kleidung meckert. Und, dass ich Angst habe – diffuse Angst – das ist auch schon jahrelang so!

      1. Barbara sagt:

        Aber Carsten hat immer schlecht in der Werkstatt gegessen, so erscheint es mir jedenfalls in Deinen Beiträgen.
        Nebenbei erwähnt, ganz toller Song, wie hast Du ihn gefunden?

        1. piri ulbrich sagt:

          Den Song habe ich auf meiner Festplatte gefunden. Gehört habe ich von Tokunbo irgendwann mal was auf DLF-Kultur!

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