KategorieBehinderung

kein Interview

Nein, ich mache kein Interview bei einer „Frauenzeitschrift“ mehr.   Auch keins bei der bunten Presse – ich lese solche Zeitungen nur beim Arzt (und da sind sie Wochen alt) zum Zeitvertreib.
Als ich mich vor Jahren einmal darauf eingelassen hatte, gab es ein unschönes Nachspiel, das will ich nicht noch einmal riskieren.

Wenn schon Interview, dann zum Thema Behinderung der Junioren, um ähnlich Betroffene zu finden und um darauf hinzuweisen, dass es notwendig ist, Helferfreunde zu haben. Als einmal vor mehr als 25 Jahren die ELTERN-Redaktion einen Artikel über die Junioren schrieb, war die Resonanz sehr spärlich und so wäre ein Zeitungsartikel wahrscheinlich nur Unterhaltung.

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Mich treibt es um. Ich recherchiere im www. über das Syndrombild. Je mehr ich mich schlau mache, desto weniger verstehe ich und je öfter verlaufe ich mich im Dschungel der Informationen.

Nebel

Nebel draußen und Nebel in mir – ich muss und werde meine Gedanken sortieren. So viel ist geschehen. Carsten bringt es auf den Punkt: „Es ist schön zu wissen, dass es vielleicht noch andere gibt, die meine und Wiebkes Behinderung haben!“ Den Kerle beschäftigt das alles sehr und ich habe gemerkt, dass wir mehr und öfter miteinander verreisen sollten. Wir brauchen nur geeignete Begleiter. Diese Reise war etwas besonderes. Für weitere Reisen brauche ich Helfer, die zupacken, ohne dass ich jeden Handgriff sage. Wir brauchen Helfer, die Rollstühle schieben können, ohne dass Wiebke Angst hat herauszufallen. Mitdenkende Helfer! Alleine kann ich das nicht mehr lange machen, aber es fällt mir schwer um jeden Handgriff zu bitten.  Außerdem muss ich dringend das „finanzielle“ im Vorfeld genau festlegen. Minibarpreise sind horrend, aber ich hatte gesagt, dass Kost und Logis frei sind… Auch ich lerne dazu!

Es lichtet sich der Nebel – zumindest draußen. In mir wird es noch eine Weile undurchsichtig bleiben. Die Spannung ist auszuhalten. Das Ergebnis der humangenetischen Untersuchung scheint, auf jeden Fall, vielversprechend. Was schlussendlich herauskommt? Hoffentlich Kontakte! Aber auch medizinische Erkenntnisse fürs Alter der Junioren. Begeistert haben Carsten und Wiebke die Ärzte durch ihre  – anscheinend größeren, als erwarteten – kognitiven Fähigkeiten. Das freut mich sehr. Carsten war aber auch Spitze und Wiebke richtig toll. Noch nicht einmal ihre autistischen Züge, ihre große Scheu vor fremden Menschen, standen ihr gravierend im Weg. Ich hatte vermutlich mehr Vorbehalte. Aber da ich gut vorbereitet und mir dieser Termin ein wichtiger war, konnte ich rein rational drangehen – obwohl, oder gerade weil starke Emotionen der Anlass dieser Reise waren.

Wiebke ist wach, sie singt wieder fröhliche Geheimsprachenlieder. Einen guten Tag euch allen!

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Dem Nebel zu lichten:


…übrigens: ich freue mich über jeden Kommentar!

Stille | wieder nur Splitter

Samstagmorgens ist es still im Haus. Ich möchte diese Ruhe nicht zerstören und bin sehr leise. Mache mir in der Küche einen Kaffee und verschwinde im Spielzimmer an den PC. Meine Augen sind verquollener als gestern und die Haut spannt. Ein Zombie!

Den gestrigen Tag habe ich am Radio erlebt. Der 9. November ist ein Schicksalstag für Deutschland. Ich persönlich hätte ihn als Nationalfeiertag* ausgerufen – der 3. Oktober ist es für mich nicht, das ist ein konstruierter Feiertag.

* …und nicht nur ich bin dieser Meinung!

In der Stadt war ich auch  – kurz, eine Hose kaufen. So verquollen und rot im Gesicht, mit einem alten Pullover und einfachen Turnschuhen. Kleider machen Leute! Aber warum muss man sich zum Klamotten einkaufen stylen? Jedenfalls hat mich die Verkäuferin erst einmal gar nicht gesehen. Als ich sie ansprach, taxierte sie mich von oben bis unten und wollte gleich wieder verschwinden. Ich sah wohl so aus, als ob ich kein Geld hätte. Mein Mann hat das einmal sehr bewusst gemacht und ist zu einem teuren Herrenausstatter und hat sich neu einkleiden lassen. In den Laden ging er wie ein Clochard – wurde auch so behandelt. Er verlangte den Chefverkäufer und erklärte ihm, dass er  -auch wenn er so aussieht – dennoch das Geld hatte für einige Anzüge. Ab da an ging es! Ich hatte gestern nicht den Mut dazu, werde aber zu der Verkäuferin noch einmal gehen – komplett durchgestyled und schick geschminkt –  und mir einiges bringen und sie dann mit dem Berg stehen lassen. Wahrscheinlich wird sie mich gar nicht erkennen! Diese Lady verdient an mir keinen Cent mehr.

Wiebke ist frech! Gestern Abend zupft sie mich und zeigt auf ihre Hose und sagt: „Guck mal, Hose!“ Bei mir klingeln die Alarmglocken. Immer dann, wenn sie das so sagt, ist die Hose nass. Ich schimpfe. Sie feixt. Ich schicke sie ins Bad und hole eine frische Hose aus dem Schrank. Sie lacht. „Du hast keinen Grund zu lachen, es ist nicht schön in die Hose zu pinkeln.“ Ich setze mein Töchting aufs Klo und fühle nichts nasses. “ Hahaha, veräppelt! Du bist drauf reingefallen!“ Wir mussten beide lachen. Wir mussten alle lachen, denn Carsten hatte seine Schwester schon vorher durchschaut!

Einen tollen Samstag wünsche ich euch!

nach der Bandprobe

Juchhe, es hat bis zum Abend gedauert, dass Wiebke in die Hose gepinkelt hat. Eins muss man ihr lassen; was sie ankündigt, das macht sie auch. Sehr konsequent!

sieben Uhr dreiundvierzig

Heute mache ich drei Kreuze. Meine anstrengende Wiebke ist weg – in die Werkstatt gefahren worden. Schon beim Aufstehen knöttert sie vor sich hin und erklärt mir lang und breit, dass dieses oder jenes ja total doof ist und dass sie kein Brot als Vesper haben will und Müsli auch nicht, dass das Haarewaschen blöd ist und das Shampoo in den Augen brennt! Ununterbrochen meutert sie. Heute ist wieder ein Meckertag. „Die Hose mag ich nicht!“ „Welche Hose möchtest du stattdessen anziehen?“ „Weiß ich nicht!“ Weiß ich nicht, ist etwas, das Wiebke immer dann sagt, wenn sie nicht mehr weiterweiß oder nichts mehr zu dem Thema sagen will. „Ich pinkle in die Hose, die will ich nämlich nicht!“ „Okay!“

Es geht grad so weiter: Will keinen Kakao. Will keine Milch. Will keine Limo. Will keine Cola. Ich habe nix zu trinken!

Carsten erklärt mir – wie jeden Morgen – dass heute niemand kommt. „Auch in der Werkstatt kommt niemand. Wir sind unterbesetzt. J. hat sich krankgemeldet. S. ist krank. N. hat Fortbildung. „Wenn du Fortbildung hast, dann kannst du auch nicht arbeiten gehen!“ Recht hat er, aber ich kann es mir gar nicht erlauben krank zu sein.

„Die Jacke will ich nicht anziehen!“ „Ich auch nicht!“

Endlich sind sie weg! Jeden Morgen dasselbe Spiel!

Ubuntu ungamntu ngabanye abantu – Menschen sind Menschen durch andere Menschen. Es ist eine afrikanische Sprache – nur aus welchem Land kann ich nicht sagen, weiß ich nicht. Ich mag diesen Spruch so sehr. Was kann ein einzelner Mensch machen? Doch wirklich nicht viel!

…übrigens: ich freue mich über jeden Kommentar!

meine Audi-Dateien

Momentan sind die mp3-files nicht erreichbar. Ich hoffe aber sehr, dass sie wieder in den Weiten des www auftauchen!

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