Ganz eigenartige Eigenschaften hat das Vermissen. Wenn ein Mensch uns fehlt, ein ganz bestimmter, vermag das Vermissen sich auszubreiten wie eine Welle – eine große Welle, schwer, dunkelblau mit weißer Schaumkrone – die zahlreiche andere Menschen erfasst und uns auch sie vermissend macht, obwohl das Vermissen nur die eine Person gemeint hat – eigentlich.
Aber uneigentlich heißt Vermissen, etwas spüren können, was eigentlich gar nicht zu spüren ist. Es spüren und zugleich fühlen, dass es fehlt und Schmerz darüber empfinden, ein Schmerz, der Vermissen heißt.
Vermissen hat viele Schlüssel – goldene mit Schnörkel, die zu einer großen Truhe passen und klitzekleine alte abgeschabte für ein Tagebuch – und es schleicht sich zuweilen in unsere Herzen, wenn es noch gar nicht Zeit dafür ist.
Dann ist der geliebte Mensch, den wir vermissen werden – später – noch an unserer Seite, der Abschied noch Stunden entfernt, in unserer Brust knospt aber schon die Traurigkeit, als läge das Leben wohl viele Tage zurück.
Vermissen hat den Geruch eines Mittwochnachmittaglichts und die Farbe vom Abendhimmel, wenn die Engelchen Weihnachtsbrot backen und in manchen Momenten das schillernde spiegeln von Seifenblasen im Spätsommerlicht.
Vermissen lehrt uns, verletzt zu sein.
18. Oktober 2026 11:30 — 11:30
Dein Text ist wunderbar und berührt mich auf eine ganz stille Weise. Nicht wie ein plötzlicher Schmerz, sondern wie etwas, das sich langsam in mir ausbreitet und einen Moment lang alles andere in den Hintergrund treten lässt.
Was mich an diesem Text besonders anspricht, ist die Vorstellung, dass das Vermissen niemals nur einen Menschen meint. Es beginnt bei einem einzigen Menschen, bei einer ganz bestimmten Lücke, und plötzlich werden andere Lücken sichtbar. Menschen, von denen ich vielleicht gar nicht bemerkt habe, wie sehr sie mir fehlen. Als hätte eine Welle nicht nur das Wasser bewegt, sondern auch all das aufgewühlt, was tief darunter geruht hat.
Die Stelle mit dem Abschied, der noch Stunden entfernt ist, berührt mich gedanklich besonders. Da ist ein Mensch noch da. Ich könnte seine Hand nehmen, seine Stimme hören, mit ihm lachen. Und trotzdem beginnt etwas in mir bereits Abschied zu nehmen. Als wüsste mein Herz manchmal früher als mein Verstand, dass nichts selbstverständlich bleibt. Diese vorauseilende Traurigkeit finde ich beinahe schmerzhafter als das Vermissen selbst, weil ich noch mitten im Glück stehe und gleichzeitig schon um dessen Vergänglichkeit trauere.
Und dann diese Bilder: die goldenen Schlüssel, die abgeschabten kleinen Schlüssel, das Mittwochnachmittaglicht, der Abendhimmel, die Seifenblasen im Spätsommerlicht. Sie machen das Vermissen für mich greifbar, obwohl es doch etwas Unsichtbares ist. Besonders das Mittwochnachmittaglicht gefällt mir, weil es so unspektakulär und gleichzeitig so voller Erinnerung ist. Es ist kein großes Ereignis, kein besonderer Feiertag. Es ist dieses ganz gewöhnliche Leben, das ich oft erst dann als kostbar erkenne, wenn es sich verändert hat.
Der Text ist für mich deshalb nicht einfach traurig. Er hat etwas Zartes, beinahe Tröstliches. Er sagt mir nicht, dass ich das Vermissen überwinden muss. Er lässt es einfach da sein. Mit seiner Schwere, seinen Farben und seinen eigenartigen Wegen.
Der letzte Satz allerdings ist schonungslos: „Vermissen lehrt uns, verletzt zu sein.“
Ich würde ihn für mich gedanklich noch um etwas ergänzen: Vermissen lehrt mich nicht nur, verletzt zu sein. Es zeigt mir auch, wo ich einmal offen war. Wo jemand einen Platz in mir bekommen hat, den kein anderer Mensch genauso ausfüllen kann.
Vielleicht ist das die stille Wahrheit dieses Textes: Ich vermisse nicht allein, weil etwas fehlt. Ich vermisse, weil etwas da war, das mich verändert hat.
Und vielleicht ist es genau das, was mich an diesem Text so berührt: die Erkenntnis, dass Worte manchmal etwas leisten können, was Erklärungen nicht vermögen. Sie können einem Gefühl eine Form geben, damit ich es anschauen kann, ohne dass es dadurch gleich weniger weh tut.
Liebe Grüße
Anne