Kuddelmuddel

suchend

… oder was ist das Gegenteil von noch nicht gefunden?

Geschichten suche ich, versuche ich aufzuschreiben. Besonders diese, von meiner Freundin, die sich vor vielen Jahren in die ewigen Jagdgründe verabschiedet hat. Monika war eine besondere Frau. Ein Blogbeitrag, vor kurzer Zeit, einer anderen Bloggerin hat mir Monika wieder in Erinnerung gebracht! Als wir nach Baden-Württemberg gezogen sind, musste ich für die Junioren eine Krankengymnastikpraxis finden. Dass es eine gute sein sollte, stand für uns außer Frage. Aber das nur am Rande – es hat nur insoweit etwas mit Monika zu tun, als dass ich sie in ebendieser zum ersten Mal gesehen habe. Ihre Kinder brauchten auch Physiotherapie. Die kleine Frau mit den wachen braunen Augen, die alleine im Wartezimmer saß und las, ist mir aufgefallen, weil sie genau das Buch in der Hand hielt, welches ich auch las. Angesprochen habe ich sie nicht. Auch das nächste Mal nicht – wir sahen uns wöchentlich. Irgendwann kam ein quirliges Mädchen und ein sehr ruhiger Junge aus einem der Behandlungszimmer und rannten beziehungsweise stolzierten auf die Frau zu. Das kleine Mädchen erzählte aufgeregt: „Mama, ich habe gerade zwei Kinder im Rollstuhl gesehen. Die sahen lustig aus!“ Der Junge: „…und der Junge, der hat ganz viel geredet!“ Das konnten nur Carsten und Wiebke sein. Ein guter Zeitpunkt, mich einzumischen. So haben wir uns kennengelernt.

Viele Jahre waren wir dann sehr eng befreundet. Wir sind miteinander in den Urlaub gefahren – die Männer verstanden sich auch gut. Die Kinder untereinander hatten viel Spaß, obwohl Monikas Pärchen in keinster Weise behindert war. Das Mädchen lief nur etwas unrund und der Junge war total tollpatschig und fiel dauernd über seine eigenen Füße, weil er so viel anderes bedenken und nachzudenken hatte.

Eines Tages, kurz nach Monikas 42ten Geburtstag (legt mich nicht fest, es kann auch ein anderer gewesen sein) bekam sie die Nachricht, dass sie Magenkrebs hat. Wir waren 2 Wochen vorher noch zum Winterurlaub zusammen in der Schweiz. Nichts deutete sich an, sie war nur ein bisschen müde. Aber da dachte sie, dass es Stress sei. Sie ging Ende Januar zum Arzt, der überwies sie zum Gastroenterologen, weil sie Blut im Stuhlgang hatte. Ich schildere jetzt nicht ihre Krankheit, denn darum geht es nicht.

Meine beste Freundin ist an Magenkrebs gestorben – keine 8 Wochen nach ihrer Diagnose. Es ging wahnsinnig schnell und bis zum letzten Tag hat sie uns getröstet und Mut gemacht. Wir Freundinnen haben viel über Tod und Sterben gesprochen. Es waren harte Tage und es waren wundervolle Tage. Wir haben zusammen geweint und Sekt getrunken. Wir haben zusammen gelacht und ich habe ihre Kotzschale gehalten. Dank Morphium und einem ambulanten Hospizdienst konnte Monika, bis auf wenige Tage im Hospiz daheim bei ihrer Familie bleiben. Ich habe sie besucht, so oft ich konnte. Manchmal habe ich auf der Fahrt zu ihr im Auto gesessen und Rotz und Wasser geheult. Vor der Tür habe ich die Tränen abgewischt und doch hat meine Freundin gesehen, was war. “Weine nur”, hat sie gesagt, “wein’, ich heule mit. Aber dann wischen wir uns die Tränen ab und singen ein Lied!”  Es waren viele Menschen bei ihr und dennoch ist Monika in einem Moment gestorben, als niemand bei ihr war.

Es war typisch für Monika, denn es war Rücksichtnahme ihrerseits für uns, die Zurückgeblieben sind. Sie wollte sterben, aber sie wollte nicht, dass man ihr dabei zuguckt. Sie ist gestorben, wie sie gelebt hat – in Liebe für ihre Lieben, ohne diese unnötig zu belasten. Es war alles gesagt, alles geregelt, alles geordnet – sie konnte gehen!

∙∙∙∙∙·▫▫▫▫ᵒᵒᵒᴼᴼ ᴼᴼᵒᵒᵒ▫▫▫▫∙∙∙∙∙·

Wisst ihr, es ist verdammt nicht leicht für Menschen, die meine Freunde werden wollen – ja, es ist noch nicht einmal leicht für Bekannte, weil niemand an Monika heranreichen kann. Dabei war sie keine Heilige, sie hatte ihre Ecken und Kanten und diese nicht zu knapp. Ich habe ihr vertraut und sie mir. Etwas Besseres gibt es nicht. Aber sie hat mich auch verlassen – sicherlich nicht, um mir weh zu tun – aber sie hat mich alleine gelassen, denn die Freundschaft zu ihrem Mann war nicht stark genug. Sie war meine einzige Freundin. Seither habe ich niemanden wieder so vertrauen können, wie ihr und eine besondere Freundin habe ich auch (noch) nicht wieder finden können.

Veröffentlicht von piri ulbrich

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Asperger-Autistin bin ich obendrein. ❤️ -*-*-*-*-*-*-*-*-  In Momenten, in denen ich an mir und meiner Arbeit zweifle und meine, nichts Gutes auf die Reihe zu bekommen, denke ich manchmal daran, mir kurz das, was ich schon geschaffen habe, anzuschauen. Dann geht's wieder ...

5 Gedanken zu „suchend“

  1. mo sagt:

    Du vermisst diese Freundin sehr? Das liest man in jeder Zeile.
    Sei lieb gegrüßt
    mo

  2. gerda kazakou sagt:

    gelesen.

  3. mijonisreise sagt:

    Fühl dich gedrückt.

  4. B sagt:

    So eine Freundschaft ist wundervoll. Es tut mir leid, dass sie so endete.

  5. Wechselweib sagt:

    Ich hatte nie nur eine Freundin, dafür war es auch nie so eng. Es gab nie jemand, bei dem es in allen Bereichen gepasst hat. Das gilt bis heute.

Kommentare sind geschlossen.