Behinderung, Familie, Gedanken

sorry | September

Entschuldigt die geschützten Beiträge, aber bei mir gibt es so viele Baustellen – bildlich gesehen über das gesamte Stadtgebiet verteilt – ich kann nicht anders, ich muss mich abschirmen. Corona isoliert. Die Behinderung meiner Kinder macht es mir nicht leicht Anschluss zu finden und zu halten. Waren wir schon vorher isoliert, sind wir es jetzt erst recht. Dazu kommt, dass ein Freund schwer erkrankt ist. Näheres möchte ich gar nicht schreiben. Alles spielt eine Rolle hier im Blog.  Selbst bin ich auch nicht gesund. Meine Junioren sehen nichts mehr – jedenfalls nur sehr wenig – Carsten isst nicht und Wiebke zieht sich viel zu viel zurück. Ich habe Angst! Mein Leben gerät mehr und mehr außer Kontrolle. Nachts schlafe ich unruhig und tags versuche ich für meine Kinder und die Außenwelt stark zu sein. Nützt nichts – muss sein. Schwäche zu zeigen, bringt auch nichts. Damit ernte ich nur Unverständnis: „Du schaffst das doch alles sehr gut!“ Ja, ich schaffe es – aber zu welchem Preis?

Dass ich meinen Junioren gegenüber ständig ein schlechtes Gewissen habe – Carsten möchte in die Stadt gehen, ein bisschen bummeln, eventuell in ein Spielwarengeschäft und den drölfhunderteinundzigsten LKW und den fünfhundertachtzigsten Trecker kaufen, oder nach einem Spiel gucken. Wiebke möchte sich selbst Haarspängelchen kaufen, oder vielleicht doch eine neue Babypuppe? Ich muss ihnen sagen, dass das nicht geht, weil niemand da ist, der mitkommt! Diese ganze Coronazeit wird noch lange dauern. Soziale Kontakte und Aktivitäten werden mehr und mehr verkümmern. Es wird kein Handballspiel mit Zuschauern geben, keine Bandkonzerte, noch nicht einmal Bandproben! Es werden keine Kurse stattfinden, keine wöchentlichen Treffs, die Ausflüge der OH sind auf ein Minimum zurückgestutzt, es gibt keine Konzerte […] – ach, ich wiederhole mich, alles schon gesagt! Wisst ihr, die Last, die ich trage, trage ich sehr gerne und für meine Kinder würde ich durch die Hölle gehen, damit es ihnen gut ergeht. Ich empfinde, dass es zu wenig ist, was ich mache. Andere sagen, dass es genug ist. Mein Gefühl ist ausschlaggebend, denn es geht um uns/mich. Andere stecken nicht in unserer Situation! Sicher, es tut gut zu hören, dass ich nicht nichts mache, dass ich wenigstens versuche die Normalität zu wahren. Normal ist unser Leben nicht – war es noch nie und jetzt sind wir von Normalität meilenweit entfernt. So weit weg, dass mich Krankengeschichten anderer, zum Beispiel, die der Pastorenfreundin: „Mein Fuß tut mir weh! Schlecht geschlafen habe ich diese Nacht! Ich musste wieder Schmerzmittel nehmen! Die Hüfte ist meine Schwachstelle! Das Wetter ist wieder gegen meine Gesundheit! Und so weiter und so fort …“ Ich kann es nicht mehr hören. Über Carstens Essen will sie nichts mehr hören und gestern konnte oder wollte sie auch nichts zu einer Hiobsbotschaft, den Freund betreffend, sagen.

Familienhilfe, die ich möchte, gibt es nicht. Meine Junioren sind zu alt, sind keine Kinder mehr. Da spielt es keine Rolle, ob sie kognitiv noch welche wären. Es gibt keine Hilfe. Punkt! Es gibt wirklich keine, auch keine selbst zuzahlende – armes reiches Deutschland! Drückt mir die Daumen, dass ich heute eine Sachbearbeiterin eines Rehabilitatsionshauses (?) – einer Kureinrichtung für Mütter und Väter mit Kindern (auch behinderten Kindern) in Norddeutschland erreiche. Durch eigene Recherchen bin ich auf ein Haus gestoßen, dass behinderte Menschen aufnimmt und sogar Essstörungen betreut. Die Warteliste scheint lang zu sein. Ich hoffe auf Verständnis und Bevorzugung Angesicht unserer Lage.

Jetzt lasse ich das morgendliche Bad ein, werde Carsten & Wiebke wecken, beide für die Werkstatt, den Förder- und Betreuungsbereich richten. „Mama, mir fehlt der Kontakt zu meinen Kumpels!“ „Mama, ich vermisse meinen Freund!“  Leider ist es auch dort nicht mehr möglich, dass sich Freunde aus den verschiedenen Bereichen treffen – blödes Corona sein Dank!

 

 

Veröffentlicht von piri ulbrich

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Asperger-Autistin bin ich obendrein auch. ❤️ -*-*-*-*-*-*-*-*- In Momenten, in denen ich an mir und meiner Arbeit zweifle und meine, nichts Gutes auf die Reihe zu bekommen, denke ich manchmal daran, mir kurz das, was ich schon geschaffen habe, anzuschauen. Dann geht's wieder ...

11 Gedanken zu „sorry | September“

  1. dergl sagt:

    Warum entschuldigst du dich dafür, dass manche hier manches nicht lesen können? Ich frage, weil ich es nicht so ganz verstehe. Ich kann das insoweit verstehen: Du möchtest nichts falsch machen und niemanden verprellen und möglichst für alle da sein, damit niemand fortbleibt. Das ist okay. Es gibt aber doch auch Sachen, die man eben nicht allen, zumal oft fremden, Personen mitteilen mag und nur solchen, denen man vertraut und wo man das Gefühl hat, dass man mit ihnen reden kann. Das müssen die Leute, mit denen man nicht so gut bekannt ist, oder die man gar nicht kennt akzeptieren. Die Leute haben doch nicht automatisch ein Recht auf deine Inhalte. (Ja, ich weiß, viele denken, sie hätten in Blogs von zum Beispiel behinderten Personen eins auf selbst sehr persönliche und private Inhalte. Das ist übergriffig und auch eine Form der Abwertung: Der behinderte Mensch als Dienstleister:in, vielleicht sogar im Sinne des Phänomens Inspiration Porn, nicht als gleichwertige Persönlichkeit, die auch Grenzen und Gefühle hat und damit selbstbestimmt umgehen darf). Du kannst entscheiden, was du mit wem teilen magst und was nicht. Du bist doch kein Tanzbär, du musst doch nicht liefern.

    (Ich weiß, der Satz mit dem Tanzbär bzw. der Vergleich ist hart und liest sich vielleicht unangemessen. Er stammt aus meiner Prägung und muss für dich oder/und die Situation hier überhaupt nicht zutreffen. Die Person, die letztlich dafür gesorgt hat, dass beide meine Blogs eingestellt wurden – das eine wollte ich eigentlich behalten – hat die Dreistigkeit besessen den Versuch zu machen mein geschlossenes Blog zu “kapern”, also da Zugriff zu erzwingen, weil sie meinte, sie hätte ein Anrecht auf die Inhalte. Nachdem das Blog längst zu war, nachdem die Schließung über einen Monat angekündigt wurde, ohne zu fragen, ob ich dieses oder jenes vielleicht irgendwo noch einsehbar gespiegelt hätte, nachdem die in der Nische üblichen Nachrufe anderer Bloggender schon veröffentlicht waren, einfach nur im Sinne von, sie will das haben, sie hat ein Anrecht, weil ich so gute Quellenarbeit gemacht hätte bevor sie mich den Geiern zum Fraß vorgeworfen hat. Bin ich ein Zirkustier? Sie, mit der ich zu dem Zeitpunkt schon länger nichts mehr zu tun hatte und wegen der ich monatelang teils strafrechtlich relevante Beleidigungen im Postfach hatte, knallt mit der Peitsche und der Teddy tanzt, oder was? Nee.)

    Ich kann deine Frustration (wenn es denn welche ist, ich lese es so) über Geschichten wie jene der Pastorenfreundin verstehen.

  2. piri ulbrich sagt:

    Warum ich mich schon im Vorfeld entschuldige? Du hast doch die Antwort sehr treffend selbst gegeben.
    Auch ich werde beleidigt, beschimpft und die Kommentarfunktion ist aus dem Grund so eingestellt (erst nach Freigabe meinerseits lesbar), weil mir Boshaften an den Kopf geworfen werden, weil manche Leserinnen meinen, sie könnten mich beleidigen. Manche verwechseln mein Blog mit einem Klatschmagazin, das man abonnieren und lesen kann. Ein wenig ist es das wahrscheinlich auch1

    1. dergl sagt:

      Ich verstehe das mit den Sicherheitsmaßnahmen zu gut. Und das “Autounfall – juhu, was zu glotzen!”-Phänomen oder “Hey, wie bei Privatfernsehkanal XY, lass mal Pläuschchen machen, derailen, trollen etc.” kenne ich auch. Dass du dich entschuldigst, finde ich immer noch nicht für mich ganz verständlich. Ich muss es aber letztlich auch nicht verstehen, da brauchst du dir keinen Kopf wegen zu machen.

      Ich würde vermuten oder zumindest hoffen, dass die “guten Leute”, die, die lesen und kommentieren weil sie euch mögen, weil sie respektvoll mit euch interagieren wollen doch von sich aus merken “Da steht was hinter Passwort, weil sie das nicht allen Leuten sagen will oder kann und das ist schon in Ordnung, denn das hat mit Vertrauen zu tun” und keine Entschuldigung brauchen. Aber wissen ob sie die nicht doch brauchen kann ich es natürlich nicht.

  3. Verwandlerin sagt:

    Ja, alles Mist!

    1. piri ulbrich sagt:

      So pauschal?! Alles ist nicht Mist – es gibt auch viel Schönes.

  4. Reiner sagt:

    Besser allein als in fragwürdiger Gesellschaft.
    Grüße, Reiner

    1. piri ulbrich sagt:

      Tut mir leid Reiner – ihr merkt, ich bitte ständig um Entschuldigung – diesen, deinen Kommentar verstehe ich nicht! Was willst du mir damit sagen?

  5. christine b sagt:

    es ist so arg, dass ihr so gefesselt zuhause seid! ihr müßt und wollt so gerne raus.
    wenn der staat schon diesbezüglich versagt, gibt es keine ehrenamtlichen helfer…z.b. von irgendwelchen vereinen? bei uns im dorf gibt es z.b. die nachbarschaftshilfe.
    ich möchte euch so gerne glücklich und shoppend in der stadt wissen, mit einem netten begleiter oder begleiterin. warum ist das bloß so verdammt hart jemanden zu bekommen!?

    1. piri ulbrich sagt:

      Hallo Christine, wir organisieren ja schon außerhalb des Staates. Dessen Institutionen kann uns keine Helfer zu Verfügung stellen. Aber auch ehrenamtliche Helfer gibt es kaum – dabon können Sportvereine, Jungendtreffs, CVJM und andere ein Lied singen – warum sollte es uns da besser ergehen, als renommierten Vereinen?

      1. christine b sagt:

        das kann man ja noch verstehen, dass sich niemand bei vereinen meldet, da ist man ja voll angehängt.
        wenn es mehrere helfer gäbe, die bloß 1-2x im monat 3 stunden einen rollstuhl schieben, das ist doch nicht zuviel verlangt. ich bin sicher, es gibt diese leute, frisch gebackene rentner, studenten oder so…..ach ich wünsche es euch so sehr, dass ihr hemanden bekommt. ich stelle mir das halt vor, dass das so klappen könnte, das wahre leben ist wahrscheinlich anders.

        1. piri ulbrich sagt:

          Nur einen Schieber brauchen wir nicht, der oder diejenige sollte auch ein ganz klein wenig zu uns passen. Menschen, die nur schieben wollen, gibt es – aber das ist mir zu unpersönlich!

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