Gedicht

ein Gedicht

Ein ganzes Leben

„Weißt Du noch,” so frug die Eintagsfliege
Abends, „wie ich auf der Stiege
Damals dir den Käsekrümel stahl?”
Mit der Abgeklärtheit eines Greises.

Sprach der Fliegenmann: „Gewiss, ich weiß es!”
Und er lächelte: „Es war einmal -”

„Weißt du noch”, so fragte weiter sie,
„Wie ich damals unterm sechsten Knie
Jene schwere Blutvergiftung hatte?” –
„Leider”, sagte halb verträumt der Gatte.

„Weißt du noch wie ich, weil ich dir grollte,
Fliegenleim-Selbstmord verüben wollte?? –
Und wie ich das erste Ei gebar?? –
Weißt du noch, wie es halb sechs Uhr war?? –

Und wie ich in Milch gefallen bin?? – –

Fliegenmann gab keine Antwort mehr,
Summte leise, müde vor sich hin:
„Lang, lang ist’s her – – lang – – -”

Joachim Ringelnatz

Veröffentlicht von piri ulbrich

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Asperger-Autistin bin ich obendrein auch. ❤️ -*-*-*-*-*-*-*-*- In Momenten, in denen ich an mir und meiner Arbeit zweifle und meine, nichts Gutes auf die Reihe zu bekommen, denke ich manchmal daran, mir kurz das, was ich schon geschaffen habe, anzuschauen. Dann geht's wieder ...

Ein Gedanke zu „ein Gedicht“

  1. mo sagt:

    Fast wie im menschlichen Leben.

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