Kategorie: Behinderung

Schritt für Schritt

Mein Schreibtisch wird leerer, das mulmige Gefühl bleibt!

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Morgens bekomme ich wieder mehrere Aufgaben auf einmal. Carsten, der sowieso ohne Windel geschlafen hat, badet. Wiebke, die immer ohne Windel schläft, weil sie eigentlich keine braucht, hat heute auch ein nasses Bett. Sie versteckt sich und hofft, dass ich sie nicht sehe! „Es ist nicht schlimm! Du hast dich etwas erkältet, ist ja auch kein Wunder, wegen des Coronalüftens!“ Es ist ihr dennoch peinlich. Dass sie dann aber nichts essen will, das Frühstück völlig verweigert und erst Kakao möchte, dann Wasser und später noch Cola, das ärgert mich und ich sage ihr das auch. „Dann will ich gar nichts mehr!“ Carsten guckt sich das aus der Entfernung an und tut so, als ob er trinkt.

Beide husten, haben aber kein Fieber. Beim Kerle ist es Lagerungshusten und beim Töchting Solidaritätshusten. Nichts Schlimmes, alles normal. Die Waschmaschine schleudert schon, meinen Morgenlauf habe ich hinter mir. Die nötigen Unterlagen habe ich angefordert – niemand hat mir einen Kopf abgerissen, ganz entgegen meiner Befürchtung. Wenn ich von der Physiotherapie zurückkomme, werde ich backen….

… und morgen noch mal den Wust auf dem Schreibtisch angucken und die Berichte erstellen!

Veränderungen zweiter Teil

Nein, ich werde mein Leben nicht löschen! Auch keine Teile daraus. Es geht ja gar nicht und wenn, würde ich die Geschichte ändern, das habt ihr alle wunderbar gesehen. Wir sind die geworden, weil wir unser Leben so gelebt haben, wie wir es gelebt haben. Und ob ich gerne jemand anderes wäre, das steht nicht zur Debatte…

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Meine Füße tun weh. Viel zu viel gelaufen, in Schuhen, die nicht dafür gemacht wurden und auf einem Untergrund, der kein Waldboden war – leider! Einkaufen war ich, manche nennen es shoppen. Shopping ist nicht mehr meins. Ich habe klare Vorstellungen was ich haben will und die momentane Mode ist nichts für mich. Was es in der nahen Großstadt zu kaufen gibt, ist eher provinziell, denn sportlich-elegant. Da ich keine zwanzig mehr bin, fällt naturgemäß einiges weg. Bauchfrei ist nicht drin und Hosen mit Löchern kaufe ich nicht, die schmeiße ich eher in den Müll. Mein Einkaufsverhalten hat sich rapide geändert. Ich lasse mir nichts mehr aufschwatzen und so kann es passieren, dass ich wieder nur ein, zwei, drei Bücher kaufe, statt einen Pullover.

Wisst ihr, was es nicht mehr gibt? Es gibt keine Trinkhalme mit Knick mehr. Nur noch Papphalme oder welche aus Glas, aber keine mehr mit Knick! Blöd. Wir brauchen dünne Trinkhalme mit Knick, die ich kürzen kann, damit der Kerle seine Astronautendrinks damit trinken kann. Es ist okay, dass der Umwelt zuliebe Plastik vermieden werden soll, aber was machen behinderte Menschen, die Trinkhalme brauchen, die einen Knick haben müssen, damit sie damit trinken können, weil sie ihren Kopf nicht so weit beugen können? Habt ihr vielleicht noch einen Vorrat solcher Halme? Ich muss diese kürzen können. Glas zu kürzen fällt mir verdammt schwer und einen Papphalm kannst du zwar knicken, aber dann geht nichts mehr durch. Hätte ich man gehamstert!

Meine geschundenen Füße werde ich baden und cremen und dann ganz weich betten und hochlegen.

Vorsicht Tränen

Wie viele Menschen haben heute Morgen schon geweint? Wie vielen hat es den Magen zusammengezogen? Wie viele sitzen voller Angst – nicht ängstlich, das ist etwas anderes – daheim vor ihrer Tasse Kaffee oder Tee? So wie das Kaninchen vor der Schlange, beziehungsweise vor Corona!

Dabei habe ich vor der Krankheit keine Angst, natürlich den gebührenden Respekt und kann die Beschränkungen gut nachvollziehen – halte sie auch ein, aber sogar die Fenster des Nachbarhauses wischen sich das verschmierte Mascara nicht mehr ab – es bleibt einfach im Regen hängen. Wie auch der salzige kleine Tropfen unter meinem linken Auge nicht abzuschütteln ist. Die roten, gelben, bunten Blätter wollen gar nicht tanzen heute. Sie kleben auf der Straße, auf den Gehwegen und wenn sie fallen, an den wenigen Menschen fest. Die Welt scheint still zu stehen und rast dennoch in einem Affenzahn dem Abgrund entgegen. Meine Geduld ist demütig und doch möchte ich aufmüpfig schreien: Vergesst nicht die, die am Rand stehen! Vergesst nicht die Menschen, die sowieso schon alleinstanden. Abstand halten ist richtig. Aneinander denken ist wichtig, aber es auch vermitteln und zeigen ist wichtiger. Was haben wir eigentlich gelernt? Was ist haften geblieben aus dem Lockdown im Frühjahr? Sollen wieder die Alten, Kranken, Behinderten weggeschlossen werden? Ist das die Lösung, die Menschen, die am gefährdetsten sind zu separieren? Was passiert mit deren Seele oder nennt es Psyche?

Meine Seele weint! Nicht nur meine Seele, mein Körper weint. Ich merke, dass ich dieses Jahr sehr stark an meine Grenzen komme und schon gekommen bin. Mein eigener persönlicher Shutdown, die Krankheit, die mit Corona nicht zu tun hat, hat mich physisch und psychisch gebeutelt und ich merke, es hängt noch an mir wie Pech und Schwefel. Nur leider kann ich es nicht einfach abschütteln …

Tränen trocknen, hinterlassen aber ein merkwürdig juckendes Gefühl auf der Wange. Heute muss ich nur meine Tränen abwaschen. Bald auch wieder die der Junioren und ich wäre so dankbar – es würde mir jemand dabei helfen!

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