Ausnahmezustand

Dass ich so (überzogen) reagiere, wie ich reagiere beziehungsweise agiere, liegt daran, dass ich schon viel zu lange unter Anspannung stehe.

Die Freizeit zu Ostern, die mir eigentlich ein bisschen Luft verschaffen sollte, war wohl für die Junioren eine gute, eine schöne Zeit – ich habe aber auch gesehen, dass Carsten abgenommen hat. Vermutlich wird die Quintessenz sein, dass der Kerle auf keine Freizeit mehr mitgenommen wird, weil sein Essverhalten dort nicht gehändelt werden kann. Das stimmt mich traurig, macht nicht wütend und bringt mir keinerlei Entlastung. Eher drückt es noch mehr und mein schlechtes Gewissen steigt.

Kannst du nicht dafür sorgen, dass dein Kind nicht verhungert? Bist du nicht einmal in der Lage ein vernünftiges Essen zu kochen, dass dem Kerle auch schmeckt und er es mit Freuden isst? Schafft du es nicht, deinen Sohn zu motivieren, wenigstens ausreichend zu trinken?

Für Außenstehende muss ich wie eine Rabenmutter erscheinen – lässt ihr Kind vor dem vollen Kühlschrank verhungern. In Deutschland, wo es alles zu kaufen gibt, wo die meisten Kinder zu dick sind und bestimmt niemand mangelernährt sein muss …

Meine tägliche Sorge dreht sich um die ausreichende Ernährung. Ich habe alles durch! Ignorieren, das kochen, was beliebt ist, Essen schön anrichten, PEG-Sonde, sogar die, die direkt in den Dünndarm führt. Magenspiegelung und medizinische Untersuchungen ergaben kein Ergebnis und sterben will Carsten nicht – auch nicht unterbewusst, wie mir wohlmeinende Ratschlagende einreden wollten.

Die Angst um ein Kind, kann nur jemand nachvollziehen, der das selber schon durchgemacht hat und dann ist es nicht dasselbe. Mein Ventil ist dann um mich zu schlagen, verbal und wen es trifft, der kann entweder damit umgehen, oder er findet mich zum kotzen…

Also, wenn

… das so weiter geht, dann kommen wir nicht in die Ausstellung!

Heute war, als wir am Empfang standen, eine Führung mit einer nervigen Gruppe und die Rezeptionistin hat uns dringend abgeraten – wir würden gar nichts sehen, besonders die kleinen Menschen im Rollstuhl nicht.

So sind wir in die Stadt, Matjes essen. Nur Carsten nicht, der hat lediglich Cola getrunken und er wurde minütlich merkwürdiger, weil schlapper! Zwingen, zu essen, kann und will ich den Kerle in der Öffentlichkeit nicht und da ich alleine mit den Junioren unterwegs war, wollte ich keinen Krach riskieren. Denn Wiebke hätte ihrem Bruder beigestanden und einen Mordskrach gemacht …

Einmal bin ich fast mit den Lenkrädern von Wiebke in den Stadtbahnschienen hängen geblieben. Zum Glück kam keine Bahn und eine mitteljunge Frau war prompt zur Stelle und hat zupackend geholfen. Schön sind auch die bewundernden Blicke der Menschen und die fröhlichen Augen der anderen, wenn Wiebke sie anstrahlt und Carsten drauflosschwätzt.

Fazit: Jetzt schaffe ich es alleine etwas mit den Junioren zu unternehmen. Jetzt mache ich das, was ich kann. Jetzt gehen wir weg. Jetzt und nicht, wenn jemand anderes kann. Jetzt ist unsere Zeit!


Und gegen meine Angst nicht zu genügen, hilft es auch!

Vielen Dank Frau H.

Und wenn es gut werden soll, dann wird es auch gut. Nur an besonders hellblaugestreiften Sommerhimmeltagen fällt es bedeutend leichter und wenn unten alles sattgelbgrün ist und die Finger erdfarbenbraun, die Hecke schon verblüht und der Schneeballbusch treibt, dann kann das Wochenende kommen.

Heute Morgen wartet eine Farbenexplosion auf uns – wir werden eine Nolde-Ausstellung besuchen – heute schaffen wir es nicht, es ist zu dumm, immer steht was im Weg, denn seit Anbeginn der Ausstellung wollen wir hin und immer kommt was dazwischen!
Gut, dann gehen wir essen, irgendwohin wo es schön ist und wir beim Spätnachmittagssonnenschein draußen sitzen können. Irgendwo am Neckar, vielleicht mit Wein, ich mag so gerne einen guten Riesling – und der Carsten kriegt ein Bier.

Jawohl, so machen wir das! Frau H., auch wenn Sie nicht gekommen sind, das ist völlig egal, wir brauchen Sie nicht unbedingt.