Schlagwort: Autismus-Spektrum

pinkeln, Angst und so viel mehr

Wie viel Freiheit gönnt ihr euch in diesen Tagen? Wie viel Begegnung ist dir möglich? Wenn du ganz ehrlich zu dir selbst bist: wie leichtsinnig bist du bereits geworden?

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Wir sind/ich bin sehr vorsichtig und dennoch ist die Sehnsucht groß – nach Begegnungen und Aktivitäten. War ich vorher schon sehr isoliert, so bin ich/sind wir es jetzt noch mehr. Zum Glück können die Junioren in die Werkstatt und sehen dort andere Gesichter. Ich mache das nicht, ich kann das auch nicht. Auch deswegen, weil ich mir das nicht zutraue. Außerdem habe ich die Kraft nicht dazu.

Seit einiger Zeit haben wir wieder (fast) täglich vollgepinkelte Betten – vielleicht ist das auch meiner Faulheit geschuldet, weil ich nicht nachts mein Töchting aufs Klo wuchten setzen möchte. Nachts möchte ich schlafen. Aber da ist sie wieder – diese diffuse Angst, diese nicht greifbare, die schwammige und immer wieder aus den Händen gleitende. Ich kann diese Angst nicht benennen. Es ist verdammt viel mehr. Trauer, eine Menge Beneiden – denn Neid im herkömmlichen Sinne ist es nicht, ich gönne allen ihren Urlaub – ich hätte nur selber auch gerne welchen. Ach, ich wiederhole mich. Aber wiederholt sich unser aller Leben nicht immer und immer wieder? So, wie ein Pinkelbett?

Nein – nichts Weiteres. Erstens gehts euch nichts an und zweitens will ich öffentlich nicht mehr so viel über meine Defizite schreiben und drittens ist es eh langweilig!

 

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Alles ist gut? Nee, nicht wirklich. Gut war der Start in den Tag – kein meckern und meutern, angespannte Vorfreude. Vorfreude? Die Junioren jedenfalls sind enthusiastisch in den Tag gestolpert. Ich hatte Bauchweh. Ich habe immer Bauchweh. Etwas so, wie andere Leute Rücken haben. Mein Muffensausen ist jedenfalls außerordentlich heftig. Ich weiß nicht, was passiert. In der Werkstatt passiert. Die Erzählungen der Junioren sind widersprüchlich – was kann ich glauben? Dass sie gut aufgehoben sind, weiß ich. Allerdings kotzt Carsten wieder und isst noch weniger.

Manche meiner Ängste sind sehr real, aber nicht alle sind greifbar. Mir hat heute mein Doc gesagt, dass ich immer noch krank bin, immer noch Lungenentzündung habe und dass mein Geist (so hat er es nicht gesagt) aber dass meine Psyche noch sehr hinterherhinkt und ich wieder einmal nicht, wie schon nach dem Tod meines Mannes die Zeit habe, das zu verarbeiten. Ich soll nur im Moment sehr aufpassen, dass ich nicht auch noch körperlich krank werde. Von meinem Knubel unterm Fuß und denen in den Handflächen habe ich nichts erzählt. Und das mit dem Haarausfall hatte ich während der Sprechzeit völlig verdrängt.

Carsten und Wiebke gehen in die Werkstatt – ein paar Stunden am Tag. Eine sehr willkommene Abwechslung und ich falle. Ich funktioniere wieder gut und an diese Bauchschmerzen, die keine körperlichen Ursachen haben, werde ich mich wohl auch noch gewöhnen.

Ein neuerlicher Versuch einer Erklärung

Im sozialen und gesellschaftlichen Umfeld zeige ich – zeige ich es wirklich, oder fühle ich mich nur so? – jedenfalls kommt es mir so vor, dass ich ein unbeholfenes Verhalten habe. Mir wird gesagt, dass ich manches Mal unhöflich, arrogant und respektlos wirke. Ich sei analytisch und unterkühlt und würde oft unangemessen laut sprechen.

Selber habe ich beobachtet, dass ich nicht verstehe, wann ein Gespräch beendet ist und dass ich anderen Personen ins Wort falle, wenn ich denke zu wissen, was sie sagen wollen.

Small Talk bereitet mir große Schwierigkeiten und was ich bereden soll, das weiß ich oft nicht. Small Talk sehe ich manchmal als richtiges Gespräch an und will daraus ein großes machen, was vermutlich oft als unangemessen betrachtet wird, weil es eben nur ein kleines ist.

Telefonieren tue ich äußerst ungern. Erstens weiß ich nicht, wann ich wieder dran bin und zweitens kann ich dabei noch weniger einschätzen, was mein Gegenüber in Zwischentönen sagen möchte.

Ich bin ehrlich, oft sogar mit einer kindlich naiven Offenheit oder mit einer Sachlichkeit, mit konsequenter Stringenz, die mir als andersartiges Verhalten vorgeworfen wird.

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 Das alles war gerade wieder einmal mein Verhängnis! Ich habe zwar irgendwann gesagt, dass ich im Autismus-Spektrum bin, es hat mir aber nichts geholfen, weil es zu spät geschah und mein Gegenüber von danach an eine Gebrauchsanweisung haben wollte, die ich ihm natürlich nicht geben konnte – auch dieser Versuch einer Erklärung ist es nicht, kann es gar nicht sein, denn ich verhalte mich, wie andere Menschen im Übrigen auch, immer anders – den Umständen entsprechend. Nur, dass ich nicht berechenbar bin!

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