Im Haus gegenüber – etwas weiter weg – geht das Licht aus, der Tag beginnt! Heute hat der Himmel eine einheitliche Farbe. Fast milchig weiß, mit einem kleinen Stich grauer Butter. Ein Trecker rast in einer Affengeschwindigkeit vorbei, dann ist’s wieder still. Der Regulator tickt unregelmäßig, ein Zeichen, dass die Uhr aufgezogen werden muss. Aus dem Töchtingzimmer quäckt Frieder, der nervige Hamster. Das Bett ist nicht nass, ich war rechtzeitig wach, um die kleine Frau aufs Klo zu setzen.
Eine laute Stille rattert in mir: Wem werde ich nicht gerecht? Kann ich überhaupt jemanden gerecht werden? Ich wünschte, ich könnte den Menschen, die mir am Herzen liegen, das auch vorbehaltlos zeigen. Der Kühlschrank gluckert. Was man nicht alles hört, wenn man seine Aufmerksamkeit von sich abwendet? Allein das Brille hochschieben macht merkwürdige Geräusche. Ganz abgesehen davon, dass mein Darm blubbert. Stille ist nicht ruhig. Stille kann ein Erdbeben hervorrufen und meine Gedanken kreisen mal wieder um den sozialen Aufstieg, der vordergründig stattgefunden hat und dennoch nicht da war. Um dazuzugehören habe ich entweder alles gemacht oder mich total verweigert. Ich habe vermeintlich wohlwollenden Freunden das erzählt, was sie hören wollen und nannte es Höflichkeit.
Wessen Höflichkeit? Mein Verbiegen? Bin ich damit höflich zu mir selbst? Oder ist es einfach nur anbiedern? Der Wunsch dazuzugehören? Aber was für ein Preis? Ich bin nicht mehr gewillt für Dinge zu bezahlen, die ich nie bekommen werde.
Meine Ehrlichkeit ist gnadenlos – aber sie ist auch ein Selbstschutz und niemals der Höflichkeit geschuldet!
