Um mich herum schwirren Fragen. Banale, wie: Was ziehe ich an? Bis: Wie viel Schmerzmittel gebe ich meinen Junioren, ohne sie zuzudröhnen? Andere Fragen, ob ich statt Reis, lieber Bulgur koche, Tofu oder Seitan nehme, ist manchmal ein Luxusproblem. Die Frage nach der Schulter der älteren Freundin brachte die Antwort, dass diese kompliziert gebrochen ist, und wirft neue Fragen auf. Was kann ich tun? Des Kerles Blase ist entzündet. Wie kann ich ihm helfen und was tut der Arzt? Des Töchtings Schuhe sind kaputt, wir können in keinen Schuhladen gehen und neue kaufen. Es braucht ein Rezept und eine Genehmigung der Krankenkasse und dann dauert es Monate, bis sie ein Paar vom Schuster angepasst bekommt. Ob der Doc das Rezept ausstellt und die Genehmigung noch vor dem Winter kommt? Was machen wir am Wochenende? Warum grüßt der Nachbar wieder so freundlich? Die Brille beider Junioren ist zerkratzt, aber ohne neue Augenwerte so viel Geld ausgeben? Wann bekomme ich den Augenarzttermin in der Uniklinik? Wer kann uns begleiten? Wieso pfeift meine Lunge eigentlich schon wieder so schrill? Was wird die Ärztin zu Carstens Lunge sagen? – Ich werde mich bemühen, dort nicht zu husten. Ob die Gärtnerei wohl schon Kürbisse hat? Hat der Handydoktor endlich den Ladefehler vom Tablet repariert? Wann hört der Krieg auf? Welcher? Warum ist mein Kaffee schon wieder kalt? Wer sagt, dass ich mir keine Sorgen machen soll? Wird der Tag heute schön? Lachst du mich an oder aus? Was machst du heute Nachmittag? Warum ist hier eigentlich immer noch das Licht an?
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ist es wirklich schon so weit?
Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Rainer Maria Rilke
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Ich möchte mich weigern, den Herbst jetzt schon zu sehen. Doch es ist unübersehbar. Morgens brauchen die Junioren Jacken, von denen ich hoffe, sie werden im Laufe des Tages ausgezogen, wenn es warm wird. Selber ziehe ich wieder Socken an. Blätter fallen schwebend, die Fruchtfliegenpopulation am Küchenfenster bekommt ein Glas mit Apfelessig und einem Schuss Spülmittel. Die Weinlese hat begonnen!