Kategorie: Gedicht

stiller Morgen

Es passiert nichts. aber auch rein gar nichts – was nicht stimmt, weil immer was geschieht. Die schwarzen Schuhe, die ich mir im letzten Herbst gekauft habe, drücken immer noch. Warum ich sie nicht schon längst weggegeben habe? Keine Ahnung. Aus Bequemlichkeit vielleicht. Es liegt aber auch daran, dass ich noch keine Gelegenheit gehabt habe zur Aufbaugilde zu fahren, die am anderen Ende der Stadt ist. Auch heute ist mein Tag verzettelt. Um 10 Uhr kommt ungefähr das Sauerstoffgerät für den Kerle und bis dahin kann ich nicht viel machen. Kein Waschpulver einkaufen (was ist eigentlich das beste Waschpulver?), nicht staubsaugen (weil der Hepa-Filter fehlt) und lesen geht auch nicht, weil mir die Konzentration dazu ebenso fehlt.

Still tickt die Uhr. Tick, tick, tick, tick, tick. Wenigstens tickt sie und ist nicht nur eine elektronische Zeitanzeige.

∙∙∙∙∙

Tick, tick, tick, tick – ich gucke mich um und schwimme in Gedanken. Ich lese ein Gedicht und möchte mich ans Meer beamen:

Auf der Schwelle des Hauses

In den Dünen sitzen. Nichts sehen
Als Sonne. Nichts fühlen als
Wärme. Nichts hören
Als Brandung. Zwischen zwei
Herzschlägen glauben: Nun
Ist Frieden.

Günter Kunert

∙∙∙∙∙

14:22 Uhr – Außer Spesen und Stress nichts gewesen. Das Sauerstoffgerät ist nicht geeignet für einen so kleinen Mann, wie meinen Sohn. Ganz abgesehen davon, dass es erst um halb eins kam. Viel zu groß und unhandlich. Dann bin ich einkaufen gehetzt und finde, als ich wieder daheim war, an der Tür eine Benachrichtigung, dass ein Paket dieser Versorgungsfirma angekommen ist  und beim Nachbarn abgegeben wurde. Der ist natürlich jetzt nicht zuhause. Ich habe keine Ahnung was das sein kann und bin schon wieder völlig aufgelöst, vor lauter Überlegungen.

Herbstgedicht

Blaßblauer Himmel
er kann sich nicht entscheiden

Herbst, Frühling oder doch
Sommertag

Bunte Blätter fallen
liegen immer

auf dem falschen Gehweg

auf dem, den ich fegen muss

Der kleine Nachbarhund

der mit dem Schalk im Nacken

nimmt Anlauf, bellt kurz

guckt und springt

Im Auge sehe ich
einen Regenbogen
Tränen brechen
das Sonnenlicht

Freudennass
stehen Kürbisfratzen
voller Erwartung der Erleuchtung
im Hauseingang

In drei Wochen ist
November

© petra ulbrich

ach nee, oder?

Eigentlich könnte ich ganz viele „Ach nee“ sagen. Virtuell und ganz real im Leben!

Du bist falsch
da reagierst du über
du bist so schroff
und viel zu
gradeaus

Das ist falsch
das ist nicht richtig
unfreundlich bist
du obendrein

© petra ulbrich

15:18 Uhr – aus Gründen möchte ich nicht jeden Kommentar kommentieren.

15:26 Uhr – ach, und noch ein Nachtrag, weil ich Erklärungen so gerne mag: ich huste seit Wochen und bekomme selbst keinen Pneumologen-Termin – frühesten im April und der Hausarzt kriegt’s nicht in Griff.

17:22 Uhr – eigentlich sollte ich auf mein Bauchgefühl vertrauen. Warum ich es nicht mache, weiß ich. Doch wider Erwarten handle ich völlig irrational. 

19:46 UhrDie Junioren genießen ihr Wuppagebrabbel. Nicht sehr laut. Aber ausdauernd und rhythmisch, in endloser Wiederholungsschleife. Mich freut es, dass sie so glücklich sind. Ich wäre gern weit weg.

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