Kategorie: Gedanken

Lichtenberg

Das Wort „Schwierigkeit“ muss gar nicht für einen Menschen von Geist als existent gedacht werden. Weg damit! | Georg Christoph Lichtenberg

Tränen sind dazu da, geweint zu werden – aber wie viele Tränen man weinen kann, ist unglaublich. Meine Tante ist gestern nach ihrem Mittagsschlaf nicht mehr aufgewacht. Ich hatte nicht gedacht, dass das solche Spuren bei mir hinterlässt. Ich habe sie sicherlich 10 Jahre nicht mehr gesehen. Sie war die jüngste Schwester meiner Mutter, unverheiratet und sehr eigenständig, unternehmenslustig und oft in den Alpen wandern. Als junges Mädchen fand ich die Tante seltsam. Sie kleidete sich immer sehr burschikos, trug schon damals fast ausschließlich Hosen und konnte mit mir, die sie als Püppchen bezeichnete, nichts anfangen. Sie urteilte nach dem Äußeren, denn meine Mutteer, ihre Schwester staffierte uns immer mit den schönsten selbstgenähten Kleidern aus: „Überflüssig!“, meinte meine Tante.  „Nur Schein und Fassade!“ Sie machte sich aber auch nicht die Arbeit einmal dahinter zu gucken!

Roland

Schon den ganzen Vormittag denke ich an einen Freund. Roland ist tot, viel zu früh gestorben. Noch keine 60 Jahre alt. Er war lustig. Er war komisch – in jeder Hinsicht komisch. Er konnte ein Clown sein und wunderbar kluge Witze machen, aber er konnte auch wunderlich komisch sein. Verschroben und nicht von dieser Welt. Dabei war er ein herzensguter Mensch, ein toller Gesprächspartner und Spielepartner. Was haben wir uns Gesprächsfetzen an den Kopf geworfen? Er war grundehrlich, so ehrlich, dass es manchesmal höllisch wehgetan hat. Als er das erste Mal den Gehirntumor bekam, hat er sich zurückgezogen. Ich habe ihn wieder aufgespürt und habe nicht locker gelassen. Lange Zeit dachten wir, alles ist gut. Es schien auch so, nach der schwierigen OP. Als nach drei Jahren die Wortfindungsstörungen wieder einsetzten und die halbjährliche Untersuchung ein kleines Knötchen im Hirn zeigte, waren wir – seine Freundin und wir anderen Freunde – optimistisch, war das Geschwulst nur ein paar Milimeter groß. Dass es so schnell wachsen  und aggressiv streuen würde, daran hat niemand, auch die Ärzte nicht, gedacht! Er selbst wusste es wohl, bzw., er ahnte es.

Wir haben oft hier im Garten gesessen. Früher sind wir viel spazierengegangen. Roland hat so gerne unsere Zitronenlimonade getrunken. Sushi war sein Leibgericht und durch ihn habe ich das schätzen gelernt. 

Ist das jetzt schon drei Jahre her, dass er gestorben ist, oder erst zwei? Die Zeit vergeht und Erinnerungen verblassen. Ich sehe ihn noch bei uns auf dem Sofa liegen und schlafen: „Nur ein Viertelstündchen ausruhen!“ Er war nicht der schnellste. Er war es nie. Mit dem Tumor im Kopf wurde er langsam und langsamer. Manchmal, so schien es mir, wäre er fast im gehen eingeschlafen. Aber er war auch ein begnadeter Musiker, spielte Gitarre, Flöte, Dudelsack und vor allem Saxophon. Diesen Klang, diese oft klagenden Melodien habe ich heute im Ohr – will aber nichts davon hören. Will einfach nur an einen sehr, sehr guten Freund denken.

Er ist einer der Menschen, die mir fehlen …

brummel

Es gibt so wenig Begegnung mit nichtbehinderten Menschen. Wir sehen sie, der Kerle spricht – wenn er gut drauf ist – sie an, manche schauen kurz und drehen sich wieder weg. Mit Kindern ist es noch spezieller. Sie gucken, gucken, gucken interessiert und wenn nicht ich die Kinder anspreche, dann passiert nichts und eine Chance der Begegnung ist vertan.

Bald ist Diakoniefest und die Band in der die Junioren mitspielen, wird dort auftreten. Das wird garantiert ein großer Spaß für die Musikerinnen und auch für die Zuhörerinnen. Es wird leider nicht die Resonanz bekommen, die sie eigentlich verdient haben. Sie werden immer den Behindertenbonus haben. Dabei sind sie gut! Nach dem Konzert wird uns kaum jemand ansprechen und wenn ja, werden es dieselben Menschen wie letztes Jahr sein. An diesem Tag werden mehr behinderte Menschen jedweder Art zu sehen sein – einen Moment im Fokus zu stehen ist gut. Aber wir wollen gar nicht im Mittelpunkt stehen, wir wollen selbstverständlich dabei sein. Überall dabei sein. Nicht als besonderes Grüppchen, sondern normal mittendrin. Mein Traum ist, loszugehen ohne nachzudenken, dass ich vorher Helferinnen akquiriere – ich werde genug Hilfe vor Ort finden, denn es ist völlig okay behinderten Menschen zu helfen. Dieser Traum ist schön, aber leider nur ein Traum!

11:00Uhr – Oh happy day. Morgen beginnen die Special Olympics World Games, leider viel zu weit weg vom Dorf!

Copyright © 2026 voller worte – mit und ohne Innenfutter

Theme von Anders Norén↑ ↑

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.