Kategorie: Behinderung

Knie, die wackeln und Schnupfennasen

Über die wackelnden Knie schreibe ich nichts. Das mag ich, noch nicht einmal passwortgeschützt, tun. Über die Schnupfennasen schon eher, aber die sind im Moment keine Seltenheit. Die Junioren sind krank. Nein, nicht so krank, dass sie daheim bleiben müssen – aber sie täten es schon gerne, dann könnten sie morgens länger schlafen! Blöd ist, dass wir wegen der Erkältung noch seltener rauskommen, als sowieso schon. Es beginnt die Zeit der Mützen, Decken, dicken Anoraks und sogar Handschuhe. All das mögen der Kerle und das Töchting nicht. Kommt dann noch eine Schniefnase dazu und es muss ständig das Taschentuch benutzt werden, dann kann es sein, dass beide lauthals streiken.

Aber, unsere Pastorenfreundin – und da erzähle ich doch über wacklige Knie – kann gar nicht mehr so weit laufen. Sie ist inzwischen alt und geht grade mal mit uns bis zum See und zurück. Das mache ich allein mit den Rollstühlen – und dann gehts schneller. Okay, es geht nicht um Geschwindigkeit, aber Schneckentempo?

Gegen Schnupfen hilft viel trinken! Viel trinken heißt aber auch, viel pinkeln. Das Töchting, das oft nicht rechtzeitig Bescheid sagt, wenn es aufs Klo muss, hatte in letzter Zeit oft die Hose nass. Wer will mit nasser Hose draußen sein? Da ist doch die nächste Schnupfennase vorprogrammiert! | Bleibt ihr gesund, trinkt viel und passt, in jeder Hinsicht auf euch auf! Ich versuche ein bisschen meine wackligen Knie in griff zu bekommen!

mein Zitat des Tages

Ich habe einfach zu viel Nische und passe deswegen nicht ins Konzept! | © petra ulbrich

Schon wieder ist mir jemand entflogen – Mainstream bin ich nicht, werde ich auch auf meine neuen Tage nicht werden. Ich bin ich.

Wir

Ich bin ich und du bist du.
Wenn ich rede, hörst du zu.
Wenn du sprichst, dann bin ich still,
weil ich dich verstehen will.

Wenn du fällst, helf ich dir auf,
und du fängst mich, wenn ich lauf.
Wenn du kickst, steh ich im Tor,
pfeif ich Angriff schießt du vor.

Spielst du pong, dann spiel ich ping,
und du trommelst, wenn ich sing.
Allein kann keiner diese Sachen,
zusammen können wir viel machen.

Ich mit dir und du mit mir –
das sind wir.

© Irmela Brender

Das Gedicht ist aus einem Schulbuch. Ich lese hin und wieder Schulbücher – auch manchmal vor. „Dass du deinen Kindern immer noch vorliest, das finde ich gut!“, höre ich öfter. Aber immer öfter erzähle ich außerhalb der Behindertenblase gar nichts mehr von meinen Kindern. Einerseits gut, andererseits bedrückt es mich. Und es fällt mir auch nicht leicht hin und her zu twitchen. Aber ich habe in den Stunden, in denen ich ganz was anderes zu tun habe, meine Gedanken ablenke und etwas für meinen Geist tue, keine Angst. Da kann ich sie vergessen. Natürlich holt sie mich schneller ein, als mir lieb ist und kaum bin ich aus dem Kokon geschlüpft, schlägt sie mit voller Wucht zu – unbarmherzig und manchmal brutaler denn je.

 

Der Tag beginnt früh

Manchmal ist früh, wirklich früh, auch wenn es nicht so scheint und ich eigentlich wieder ins Bett gehen möchte.

Um 04:33 Uhr bin ich aufgestanden – ich weiß das so genau, weil mir mein Festnetztelefon ins Gesicht geschienen hat – hab mir Kaffee gemacht. Weil es die letzten Bohnen in der Maschine waren, wurde ein Bliemschenkaffe draus. „Na gut“, hab ich gedacht, „werde ich gleich um sieben einkaufen!“ Nur, da habe ich die Rechnung ohne meine Tochter gemacht. Sie ist wach und will beschäftigt werden. Aufstehen nicht! Einen Kakao trinken. Ein bisschen ‚irgendwas‘ essen – nur was bekomme ich aus ihr nicht heraus! Banane nicht, aber auch kein Brot und Müsli? „Nee, Müsli will ich nicht!“ Aber Kekse auch nicht und Chips gibt’s morgens noch keine. Aber was will sie? „Weiß ich doch nicht Mama!“ Ich weiß nur, dass ich Kaffee einkaufen möchte. Jetzt ist kurz nach neun und mein Töchting liegt immer noch im Bett, der Kerle hat im Nullkommanichts eine Aufbaunahrung weggewuppt und pennt schon wieder in Morpheus Armen, ich habe endlich meine Kaffeebohnen gekauft und für mein Mädchen noch Schokolade. Heute Nachmittag basteln wir und vielleicht gehen wir auch etwas spazieren. Morgen habe ich Hochzeitstag, nur eben schon so lange allein. Ich werde alt! Damit habe ich ein Problem, das gestehe ich mir ein – ich würde gerne nicht allein sein. Ich höre Georges Moustaki:

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