Schlagwort: Ausgrenzung

Einsamkeit

Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen…

Rainer Maria Rilke

….

Das passt besser als Gernhardt. Man kann nämlich auch unter Menschen sehr einsam sein! Als wir gemeinsam alleine Zuhause waren, hat sich das Gefühl ein bisschen verflüchtigt.

Beitrag

Es ist wieder ein Beitrag, bei dem ich nicht weiß wo ich anfangen soll. Die Junioren sind beide noch im Bett und ich habe schon zwei Grundsatzdiskussionen hinter mir. Wiebke jammert, weil sie weder Tee, noch Saft, noch Kakao und schon gar nicht Kaffee trinken will. Was sie allerdings trinken will, sagt sie nicht. Ich gebe ihr die Trinkflasche mit Saftschorle und sie behält sie in ihren Händen, trinkt aber nichts. Carsten sondiere ich kurzerhand, habe aber das dumpfe Gefühl, dass das nicht gut geht. Er scheint mir etwas neben der Spur zu sein. Der Kerle schluckt seine Magenschutzpille und nippt ein bisschen Flüssigkeit hinterher, legt sich wieder hin. 

Wiebke, trinkst du bitte was? Ich stehe neben dem Bett und gucke ihr den Schluck in den Mund. Gegenüber höre ich es hüsteln: Alles okay da drüben? Ja, klingt es kläglich und dann höre ich es auch schon würgen. 

Machen Sie sich nicht so viel Druck, höre ich die Stimme der Psychotherapeutin. Wenn’s nicht zum heulen wäre, dann würde ich jetzt schallend lachen.

∙∙∙∙∙

09:49 Uhr – Ums Verrecken werde ich nicht lustig werden, denn alles ist wie es ist, gut! Auch wenn gut ein dehnbarer Begriff ist. Vollgekotzte Betten kann ich in die Waschmaschine stecken – bei der Witterung ist das Bettzeug sehr schnell wieder trocken – auch die Junioren kommen nacheinander ins Wasser und ganz ehrlich, das macht mir alles nichts aus. Es wäre nur zu schön, mir würde jemand ein Marmeladenbrot schmieren.

19:25 Uhr – Was mir was ausmacht ist, wenn Menschen, die vorgeben mir helfen zu wollen, mir Stress machen indem sie alles besser wissen und mich dann doch alleine machen lassen. So geschehen heute Nachmittag. 

Lichtblicke gibt‘s auch. Der Neffe ruft an und wir quatschen ein Weilchen miteinander über seine verstorbene Katze – wovon ich gar nichts wusste – wir reden über Autokraten und den König in USA. Echauffieren uns über die allgemeine Weltenlage und die Rente, die er wahrscheinlich nicht bekommt. Unsere Großfamilie ist Thema, seine familiäre Situation und Gott und die Welt. Das hat mir gut getan. Ihn hoffentlich auch.

19:48 Uhr – Guckt mal hier, ich habe Schmetterlinge geschenkt bekommen.

nicht gesehen werden

Entschuldigt bitte, dass ich so penetrant bin. Aber zusätzlich zu meinen eigenen Belangen, sind die meiner Junioren mir extrem wichtig! Teilhabe ist kein Luxus, heißt eine Aktion und für die Petition habe ich hier auch schon geworben.  Jetzt wurde uns gesagt: „Ihr macht doch schon ganz viel!“ Nein, dem ist nicht so – wir machen das, was andere ‚normale‘ Menschen in ihrem ‚normalen‘ Alltag machen. Nur gestaltet sich das bei uns anders, schwerer. Ich kann nicht mal eben meine erwachsenen Junioren zum einkaufen schicken – ganz abgesehen davon, dass sie gar nicht mehr hier wohnen würden und längst eine eigene Familie hätten. Wir können nicht mal g‘schwind am Nachmittag in den Biergarten oder ins Café gehen, um ein Stündchen dort zu schwatzen.  Es erfordert eine Menge Aufwand! Wenn ich Helfer*innen habe, muss ich die im Vorfeld organisieren. Vorfeld heißt, mindestens drei Tage vorher. Und dann will einer der Junioren nicht. Muss aber, weil geplant und organisiert! Spontan ist schwierig. Spontan geht nur, wenn ich es alleine mache und das kostet mich Kraft. Denn ich muss meine Junioren überzeugen, dass das auch gut ist und Spaß macht. Ich muss ihnen aufzeigen, dass man einfach mal in den Park gehen kann. Manchmal wollen sie nicht, weil sie es nicht kennen, weil es aufwändig ist – auch für sie – weil es Organisationskram ist, mit zwei Rollstühlen loszuziehen. Da ist es leichter jemand anderes dabeizuhaben. 

Ich habe schon oft erzählt, dass wir kaum Helfer*innen haben. Jetzt, da mir auch noch Gelder gekürzt wurden (um die Hälfte des Betrages) gestaltet sich das noch schwerer. Dann sind die alten Helfer inzwischen wirklich auch an Jahren alt und können nicht mehr. Ich selber werde auch nicht jünger, auch die Junioren nicht. Beide sind schon unflexibeler geworden, auch deswegen weil sie Erfahrungen gemacht haben, die nicht immer schön waren. 

∙∙∙∙∙

Heute morgen bin ich einmal wieder mit Bauchschmerzen aufgewacht. Es ist Sonntag. Den Junioren habe ich einen Ausflug versprochen. Wir werden ihn machen. Mit dem Auto geht’s zum Salzbergwerk, dann unter Tage, dort ist alles ebenerdig – und ich werde ganz viel Zeit einkalkulieren. Wir schaffen das gemeinsam, ich schaffe das. Ihr wisst gar nicht, wie viel Kraft ich habe! Am Abend, das weiß ich, werde ich ins Bett fallen. Es werden uns Menschen gesehen, vielleicht auch ein bisschen geholfen, mich/uns eventuell bewundert – aber in den Köpfen wird sich nichts geändert haben. 

∙∙∙∙∙

Sorry – aber eigentlich will ich mich gar nicht entschuldigen. Eigentlich möchten wir nur teilhaben am Leben!

Copyright © 2025 voller worte

Theme von Anders Norén↑ ↑

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.