Kategorie: Junioren

was sind Gefühle?

Gefühle sind wichtig. Sie machen einen Menschen aus. Gefühle sind auch abhängig, wie es dem Menschen körperlich geht. Aber Gefühle sind außerordentlich individuell – niemand kann die Gefühle eines anderen nachvollziehen. 

Wisst ihr, wer das gesagt hat? Diesmal keiner meiner Junioren, aber dennoch ein sogenannter kognitiv behinderter Mensch. Sie saß bei mir und wetterte los: „Alles ist Mist, Es sind immer die anderen Schuld. Niemand nimmt auf mich Rücksicht. Der nervt mich ohne Ende. Sie mobbt mich ohne Grund. Ich habe Bauchschmerzen und wenn ich dann aufs Klo gehe, dann werde ich zurückgepfiffen. Alle sind gemein zu mir. Ich bin sauer!“  Ich habe zugehört, bin einfach nur dagesessen und habe zugehört. Nebenbei wurde ich immer stiller und mein Kopfkino fing an zu rattern. Viele dieser Sätze hätte ich fast genauso sagen können. Sie war, sie fühlte sich, nicht wahrgenommen. Die junge Frau war völlig aufgelöst. Wie gut ich das doch kannte!

Ich bin niemand, der fremde Menschen in den Arm nimmt – ich habe selber Probleme in den Arm genommen zu werden. Körperliche Berührungen sind oftmals unangenehm, aber in diesem Fall musste ich sie einfach an mich drücken. Erst war sie steif (oh, wie gut ich das doch kenne!), dann wurde sie zunehmend weicher und schließlich schob sie mich weg, nahm ihre schwere Tasche, in der sie einen kleinen Hausstand mit sich herumschleppt, legte diese an die Seite und fing an zu tanzen…

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Kuddelmuddelgedankenkarussell nachdem ich vorhin jeweils fast 10 Minuten in den Juniorenzimmern stand und meine schlafenden Kinder mit Liebe überschüttet habe!  

Summerhill

Alexander Sutherland Neill und seine Demokratische Schule Summerhill! Als ich vor sehr vielen Jahren mit Carsten schwanger war, hatte ich einen Traum. Mein Kind sollte nicht zwangsbeschult werden, es sollte frei lernen dürfen, was es wollte. Mein Vater zeigte mir einen Vogel: „Tochter, du hast utopische Vorstellungen!“ Aus seiner Sicht total verständlich, war doch er,  sein Vater, sein Großvater und vermutlich auch andere Vorfahren Lehrer an preußischen Schulen – Zucht und Ordnung.  Nichts mit freiem Lernen, wann das Kind es will, sondern streng nach Lehrplan mit dem Rohrstock in der Ecke. Ich versuchte meinem Vater zu erklären, dass jedes Kind ohne Zwang und freiwillig sehr viel besser lernt, als es bei mir praktiziert wurde. Ich gab ihm Die grüne Wolke zu lesen.  Er fand den Roman brutal. Ich übrigens auch!

Ich habe das Buch wieder gefunden. Es sieht verheerend aus. Stockflecken und total zerlesen. Ich weiß die Handlung nur noch rudimentär und was Pyecraft  will – keine Ahnung mehr. Erinnerung ist nur sehr präsent, dass ich meine vielen Kinder frei aufwachsen lassen wollte. MamS* ging mit mir konform. Wir wären nach Schottland ausgewandert! Gekommen ist es ganz anders. Unsere beiden Kinder wurden mit einem seltenen Gendefekt geboren und ich war froh, dass vor mehr als vierzig Jahren mein Sohn überhaupt in eine Schule gehen konnte. Es war damals keine ‚Hilfsschule‘, es war in Hannover eine eher aufmüpfige freie , keine staatliche Schule. Wir sind dann umgezogen und das blöde Schulsystem in Baden-Württemberg griff. Carsten hätte – aber hätte, hätte, Fahrradkette – viel mehr erreichen können, wäre er nicht nach Schema F beschult worden. Die Waldorfschule war damals leider auch noch keine Option. 

Summerhill war ein Traum von mir. Und jetzt warte ich bis die Junioren mir Zeit geben, dann lese ich noch einmal Die grüne Wolke.

Harry Rowohlt, der geniale verrückte Mensch, hat das Buch übersetzt und F. K. Waechter hat es illustriert – beide verehre ich auch sehr. 

*Mann an meiner Seite

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