Gedicht

Zeit

    Ich muß endlich begreifen
    daß ich Zeit habe.
    Zeit für den Vogel auf der Brüstung
    der mit mir redet, im Auftrag.
    Zeit für den Lampenfuß
    in dem sich das Erdenlicht spiegelt.
    Zeit für die Katze auf blauem Samt
    in kleinstem Format an der Wand
    von Almut gemalt, als beide noch lebten.
    Auch für das Schaf mit den schwarzen Ohren
    den schielenden Augen, dem schiefen Maul und dem
    durstigen Mund. Indianisch, ganz einfach, instruktiv.
    Vermissen werde ich’s im kommenden Jahrhundert.
    Ich habe noch nicht ein stillschweigendes Wort
    mit der getrockneten Rose gewechselt, woher und wohin denn.
    Und das Kalenderbuch in schwarzem Leder
    mit der goldenen Jahreszahl
    klafft elegant auseinander, um mich ein- und auszulassen.
    Lernen, Zeit zu haben.
    Lernen, daß es zu spät ist.

    Elisabeth Borchers

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Unruhig bin ich, so sehr, dass ich knirschend meine Arbeit mache. Jetzt bin ich zerknirscht – habe mir einen Schneidezahn zerbröselt durch mein ständiges zusammenpressen. Das, was momentan um mich herum passiert, mit uns geschieht, dass sich Menschen melden, die mir weh getan haben und ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll – das macht mich kirre. Bringt mich aus dem, sowieso schon schwankenden, Gleichgewicht. Einfach so tun als sei nichts vorgefallen kann ich nicht, aber nachtragend mag ich auch nicht sein – ich befürworte eine langsame vorsichtige Wiederannäherung. Von mir wird keiner erwarten, dass ich gleich allen wieder um den Hals falle. Meine Stacheln sind ausgefahren, auch deswegen, um den Abstand zu halten, den ich notwendigerweise noch brauche.

Morgen lasse ich mir mein Äußeres richten (beim Zahnarzt) – die innere Ordnung wieder herzustellen, dauert länger …

Gedicht

Ostern

Wenn die Schokolade keimt,
Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
„Glockenklingen“ sich auf „Lenzesschwingen“
Endlich reimt
Und der Osterhase hinten auch schon presst,
Dann kommt bald das Osterfest.

Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen
Ostern naht auf Lenzesschwingen, —
Dann mit jenen Dichterlingen
Und mit deren jugendlichen Bräuten
Draussen schwelgen mit berauschten Händen —
Ach, das denk ich mir entsetzlich,
Ausserdem – unter Umständen –
Ungesetzlich.

Aber morgens auf dem Frühstückstische
Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe, frische
Eier. Und dann ganz hineingekniet!
Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme
Durch geheime Gänge und Gedärme
In die Zukunft zieht
Und wie dankbar wir für solchen Segen
Sein müssen.

Ach, ich könnte alle Hennen küssen,
Die so langgezogene Kugeln legen.

Joachim Ringelnatz