Kategorie: Familie

satt, sauber, aber lange nicht still

Die Junioren sind abgefüttert. Pizza, Milchreis und Nachtisch und jetzt gibt’s im Magen immer noch ein kleines Eckchen für Schokolade und Marzipan. 

Was sind wir reich beschenkt worden in den letzten zwei Monaten. Wir haben Freunde gefunden – in diesem Jahr mehr als in den zwanzig Jahren vorher. Ich habe mich bewegt, ich habe mich getraut, ich habe mir etwas zugetraut und was das Wichtigste war: Ich habe mich von Menschen getrennt, die mir/uns nicht gutgetan haben. Nur so war ich offen genug, mich auf fremde neue Menschen einzulassen. 

Heute, bei schönstem Sonnenschein, waren wir spazieren – mit Menschen, die wir erst richtig kennenlernen müssen und von denen wir denken, dass sie eine Zeitlang wunderbare Wegbegleiter sein können. Carsten und Wiebke waren durchgefroren, aber total glücklich und hatten rechtschaffen Hunger …

Der Kerle guckt Handball, das Töchting spielt mit einem nervigen Weihnachtsgeschenk und strahlt mit dem blöden nachplappernden Hamster um die Wette.

Normalitäten

Bis hier wieder Normalität eintritt wird es noch ein bisschen dauern. Für die Junioren scheint jeder Tag, fauler Samstag zu sein. Sie trödeln im Bett herum und lassen sich ihr Trinken bringen und genießen ihr Faulsein. Und ich? Ich mache mir keinen Druck. Heute Nachmittag sind wir um halb zwei zum spazieren gehen verabredet. Das sind noch ungefähr drei Stunden und bis dahin habe ich die Bande längst angezogen und verköstigt.

Nebenbei ist mein Kopf leer. Nicht so leer, dass es mich stört – angenehm leer. Karl-Heinz unsere Spinne arbeitet fleißig. Meine Oma hat immer gesagt: „Wenn Spinnweben da sind, ist es ein gutes Raumklima!“ Das will ich mal glauben und im Moment auch nicht zerstören. Überhaupt wird putzen überbewertet. Vorlesen und miteinander spielen, quatschen, faul sein (da ist es wieder), singen (aber da meckert das Töchting, das darf ich nicht) ist viel wichtiger, als ernst sein und streiten. Alles zu seiner Zeit und es gibt ja nicht nur Blödsinn. Der Krieg in der Ukraine ist nicht weit. Carsten beharrt auf die täglichen Nachrichten und die Nachbesprechung dessen. Aber …

aller guten (!) Dinge sind drei

Es gibt etwas, was ich nicht vermitteln kann und das ist, wenn die Junioren morgens nicht aufstehen wollen. Auch heute wollten sie nicht aufstehen. Aber ich wollte nicht, dass sie den ganzen Tag im Bett liegen. Auch wenn es ihnen nicht gut geht, so sollen sie doch wenigstens einen normalen Tag haben. Carsten muss heute rasiert werden. Das passiert nicht jeden Tag, weil es jedes Mal ein Drama ist. Er stirbt immer fast dabei. Aber ab und zu muss es dann doch sein, denn er soll nicht rumlaufen wie ein Murtjen.

Er zetert und ist auf einmal sehr beweglich. Die Anstrengung, die ich dabei habe, ist nicht in Worte zu fassen. Das muss man sehen. Es ist tatsächlich körperliche Schwerstarbeit, sowohl für mich, als auch für den Kerle.
Wenn ihr Bruder so schreit, ist Wiebke auch aufgebracht und fängt an zu schreien. So habe ich manchmal einen Zwei-Fronten-Krieg – auch heute. Wiebke schmeißt ihre Brille, und alles was sie greifen kann durch die Gegend. Zum Glück ist heute die Brille heil geblieben.

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Warum Carsten – außerdem – so geschrien hat, habe ich erst im Gespräch erfahren, dass ich führen konnte, als er sich ein bisschen beruhigt hat. Einer seiner Freunde ist weggezogen und er vermisst ihn sehr. Dann hört ein weiterer Betreuer auf. Es tut mir weh zu sehen, wie mein Sohn Kummer hat. Es bereitet mir auch Kummer. Leider kann ich ihm nicht helfen, zu sehr ich es möchte.

Tatsächlich habe ich ein schlechtes Gewissen dabei.

Aber Freunde kann ich ihm nicht herzaubern. Meinen Junioren – beiden – fehlen verlässliche Freunde auf Augenhöhe. Während der Werkstattzeiten allerdings auch. Zum Glück gibt es die Band, da blüht der Kerle auf und das Töchting kann ihre überschüssige Energie heraustrommeln.

Ich habe ihr angeboten unsere Trommel zu nutzen. Ein paarmal hat sie draufgehauen – ich hatte schon Angst, das Fell reißt – dann ist sie lachend in ihr Zimmer.

Der Kerle hört Fußball.

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…und ich muss meinen Puls regulieren, das Zittern abstellen und ganz dringend etwas gegen mein schlechtes Gewissen machen!

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