Boa, nee – nicht siebzig sein. Das Alter ist doch egal und ich bin ja noch nicht siebzig!
Als ich zwanzig war, ist Carsten geboren – halt stop – ich war ja noch nicht mal 20. Aber auch da hatte ich einen Kopf voller Ängste. Es ist so beschissen, diese Angst, das ständige Bauchweh der Kindheit – nicht in die Schule gehen zu wollen und deswegen krank zu sein.
Ich war damals stark – ich bin heute stark, ich bin immer stark; aber ich hasse es, diese Fassade aufrechtzuerhalten. Es kostet mich so viel Kraft! Niemand mag mich am Boden sehen, ich am allerwenigsten.
Ich lasse mich nicht gehen, will das auch gar nicht, will nur endlich leben. Leben, ohne schlechtes Gewissen zu haben – den Junioren gegenüber, auch sonst niemanden und möchte nicht enttäuschen. Ich versuche herauszufinden, was mein Gegenüber will und verleugne mich. Niemand kann immer das machen, was er will, aber ich mache meistens das, was die anderen wollen. Manchmal ist es auch schwierig, das durchzusetzen was ich will, weil es eben mit sehr viel Arbeit verbunden ist. Ins Konzert gehen z. B.
„Du musst doch bloß was sagen, ich gehe mit!“ Damit ist es nicht getan; das ist das geringste Problem. Im Vorfeld muss ich die Junioren überzeugen – jeden einzelnen, muss einen Konsens finden, beide müssen einvernehmlich wollen oder zumindest nichts dagegen haben. Dann kommt die Logistik ins Spiel; sind sie richtig angezogen, habe ich Ersatzwäsche, Windeln, was zu trinken, Trinknahrung? – Uups vergessen! Habe ich überhaupt Rollikarten besorgt – ich muss den Kerle und das Töchting ins Auto setzen, fahren und alles Drum und Dran. Da ist die Begleitung ein Klacks! Denn auf dem Konzert geht diese nicht mit Wiebke aufs Klo oder wickelt Carsten.
Alleine gehe ich auf kein Konzert, denn das macht mir keinen Spaß. Ich käme mir als Verräterin vor und als Egoistin – die Junioren wollen doch auch leben und Spaß haben!
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Ach, nennt man sowas Torschlusspanik? Oder Prokrastination, weil ich doch die Rede schreiben muss?