Schlagwort: Kuddelmuddelgedankenchaos

schlaf noch ein bisschen

Lasst mir noch Zeit, sie rennt mir davon – so denke ich. Ich sollte mich mehr kümmern, um mich, um andere und auch um die Junioren. Stattdessen gucke ich einen Film über einen Herrenschneider und nebenbei an mir herunter, sehe eine blaue Jogginghose, die noch niemals joggen war und habe meine Kaffeetasse in der Küche stehen lassen. Lauwarmer Flat White schmeckt wie eingeschlafene Füße und die Kaffeesorte, die ich mir in Ermangelung zur Rösterei gehen zu können, gekauft habe, mag ich nicht.

Schlafft noch ein bisschen, sage ich zu den Junioren Sonntagmorgens um 7Uhr. Am liebsten täte ich zaubern und es ist 12Uhr Mittag, die Spaziergangshelferin ist da, Carsten und Wiebke sind fertig angezogen, haben gefrühstückt, sind guter Dinge und wollen auch rausgehen – das ist nicht selbstverständlich, oder muss ich noch Überzeugungsarbeit leisten und sie zum Spaziergang überreden? „Wir gehen doch nachher noch zum Handball, müssen wir da auch noch spazieren gehen?“

Lasst mir noch ein wenig Zeit, noch einen Schluck kalter Kaffee, noch diesen kleinen Keks…

einsam

Das erste Mal als Überschrift geschrieben
dabei bin ich schon mein Leben lang
und heute mehr denn je
so einsam und allein

Das zweite Mal an diesem freien Tag
die Sonne scheint am Himmel
über mir keine Wolken
nur in mir drin ist‘s matschig bunt

Wenn doch mal jemand klingeln würde
und sei es nur um Tee zu borgen
ich würd‘s demjenigen sehr gerne geben
sogar das Wasser noch besorgen

Stattdessen sitze ich vorm Fenster
und
schau hinaus ins pralle (?) Leben.

© petra ulbrich

∙∙∙∙∙

Wie ist das eigentlich für euch? Sollen Gedichte schön sein? Märchenhaft und wie ist es mit harter Realität?

alleingelassen

Kuddelmuddelgedankenchaos – behindertes! Entschuldigt bitte, auch ich würde lieber gerne über den wunderschönen Frühling schreiben. Auf der Wiese vorm Wohnzimmer blüht ein Gänseblümchenmeer. Im Sonnenschein ist das prächtig, doch mein Herz ist schwer. In diesen Winkel kommt kein Lichtstrahl, so scheint es. Wir waren zwar eine Runde spazieren – einmal zum Sportplatz, ihn umrunden und auf der anderen Seite zurück. Mit einer älteren Dame. Wenn jemand kam und uns ansprach, mussten wir schnell weiter, weil sonst die Begleiterin mürrisch, nein das ist nicht das richtige Wort, muffelig wurde – sie hat kein Interesse an Gesprächen mit kleinen Jungs. Sie läuft mit dem Rollstuhl als ihren Rollator stur ihren Weg, guckt nicht links und nicht rechts, hat mir im Vorfeld schon gesagt, dass sie nur den leichten Weg geht. Den geht sie dann auch und zeigt ihre Leidensfähigkeit.

Es geht der Pastorenfreundin nicht gut, auch das zeigt sie ausgiebig. Meine Tränen waren schon vor dem Spaziergang da, als sie mir sagte, dass sie sofort danach wieder geht. Wie sage ich das den Junioren? Sie haben sich doch auf, erst einen Spaziergang und danach einen Spielenachmittag, gefreut. So war‘s geplant und abgesprochen. Sie kann nicht! Oder will sie nicht? Ich weiß, dass sie mich momentan nicht mag und dass die Junioren sie nerven. Sie sieht keine Fortschritte bei den behinderten Menschen. Sie hört immer dasselbe, sagt sie. Es zermürbt sie! Kann ich verstehen – wer will auch ausschließlich MenschÄrgereDichNicht spielen? Sie hat mich überrumpelt, heute.

Ich muss versuchen neue Menschen zu finden, die ihre freie Zeit mit uns als Freizeit verbringen wollen. Ich muss den Junioren erklären, dass nicht alle Menschen, die sagen, dass sie mal kommen, auch wirklich kommen. „Warum sagen die das dann, wenn’s dann doch nicht stimmt?“ Ja, warum? Seit Wochen springe ich über meinen autistischen Schatten und mache Smalltalk den ich gar nicht kann. Stümperhaft versuche ich uns anzupreisen, schöne Spaziergänge aufzuzeigen, dass wir gemeinsam malen könnten oder schwimmen, auch mal in den Tierpark oder nur in der Sonne sitzen – gemeinsam macht das mehr Spaß – und es soll ja auch nicht umsonst sein. Einfach mal was miteinander tun…

19:52 Uhr – Der Kerle quatscht mir die Ohren ab, er erzählt vom kommenden Bayernurlaub (die Junioren fahren über Ostern auf eine Freizeit) und Wiebke übt jodeln – hört sich so glücklich an. Sind das wirklich meine Kinder, diese fröhlichen Menschen?

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