Schlagwort: behinderte Angehörige

es fängt schon wieder an

Heute ist der zweite Tag, an dem Carsten mit Wechselklamotten nach Hause kommt! Angekündigt hat es sich schon am Morgen – beziehungsweise das war ja auch schon die Fortsetzung von gestern. Der Kerle kotzt wieder! Warum? Keine Ahnung.

Der Urlaub war gut. Er hat gegessen. Sehr wenig, zu wenig, aber Carsten hat zumindest nicht gekotzt! Mein Sohn sieht beschissen aus – grau, dürr und er ist unkonzentriert, jetzt wieder unterzuckert und zittrig. Carsten redet wirr.

Ich habe Bauchschmerzen, mir ist schlecht, ich mache mir heftige Sorgen und weiß nicht was ich machen soll. „Was wollen Sie?“, das fragte mich eben die Dame der Krankenkasse bei der Ernährungsberatung. „Haben Sie es schon mal mit Astronautenkost probiert?“ Ich bin es leid, immer wieder neu erklären zu müssen, worum es eigentlich geht. Was mein Problem ist – was Carstens Essensproblem ist. Mich kotzt das auch so langsam an …

Dienstagmorgen

Tatsächlich habe ich es geschafft, bevor ich die Junioren wecke, einen heißen Kaffee zu trinken. Geschieht nicht jeden Morgen!

Carsten soll baden, nur merke ich sofort, dass irgendetwas nicht stimmt, als ich zu ihm ins Zimmer komme. Der Kerle liegt apathisch im Bett, kann nicht einmal den Kopf heben und brummt Unverständliches. Er schwitzt! Carsten ist unterzuckert. Bevor ich ihn aus dem Bett hole, bekommt er erst einmal ein Glas Cola vorgesetzt. Wie schnell die Lebensgeister wieder kommen können, verblüfft mich immer wieder. – Beängstigend ist es dennoch.

Danach geht alles seinen normalen geordneten Gang. Carsten wird in der Wanne gewaschen, Wiebke kommt aufs Klo, meckert etwas über die Klamotten, lässt sich dann doch die Jeans anziehen, will nicht gekämmt werden und bekommt von mir einen Zopf. Carsten kommentiert währenddessen alles sehr ausführlich aus dem Wasser. Wiebke trinkt ihren Kakao, überlässt mir ihre Schokocremebröcken, sinniert über den Regen und Carsten meint nur: „Wenigstens sind die Tropfen warm!“

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Seit Wochen ist im Dorf was los. Hier wird gebaut und vorher abgerissen. Ein Bauernhof muss für einen Hofladen und schnuckeliges Hotel weichen. Auf dem Gelände des Ausstattungs- und Bettenladens wird ein Lebensmittelmarkt entstehen. Momentan wummern die Bohrhammer. Vorne an der Ecke wird ein Haus zwischen Garten und Scheune gepresst, vorm Haus ist die Straße aufgerissen und wir haben immer noch keinen Behindertenparkplatz. Es ist laut auf dem Land. Ich werde heute in die Stadt fahren – etwas Ruhe tanken!

Wecker

Von irgendwoher tönt eine Glocke. Nicht Bimbam oder Klong-Klong oder ein hektisches Bimmeln, nein ein wohltuendes sanftes Läuten. Fast ist es ein Lied, das in mir singt. Es macht mir Mut, ich trage etwas in mir, dass raus muss – familientechnisch gesehen!

Denn schwerer als alles Ausgesprochene wiegt manchmal das Ungesagte. Der Augenblick, in dem etwas Bestimmtes zu sagen wäre und den man dann verstreichen lässt, aus Angst oder Zögern, und dann ist er um und kommt niemals wieder. Gewiss gibt es Ungesagtes, das besser ungesagt bleibt: Unbedachtes, verletzendes, das nichts zum Guten verwandelt, sondern zerstört. Diese Art Ungesagtes wiegt nicht schwer, sondern wird leichter  und leichter im Herzen dessen, der es für sich behält. Anders die andere Art Ungesagtes. Ungesagtes, das die Kraft besäße, in Sekundenkürze ein ganzes Leben zu verändern oder doch zumindest  den Tag dessen, dem die Worte gelten. Worte, die gesagt sein wollen, seien es unangenehme oder angenehme.

Wer den Mut aufbringt, sie auszusprechen, dem gehört das Leben voll und ganz. Ich möchte, das mir das Leben gehört und so habe ich heute Morgen  – nach dem sanften Wecken – an meine Familienangehörigen geschrieben und um Unterstützung bei einem großen Familienfest gebeten. Mal sehen, wer sich meldet?

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