Behinderung, Familie, Gedanken

Wegfahrwehdam, Rückenweh und anderes

Es stimmt nicht, dass alle wegfahren. Und doch kommt es mir so vor. Ein Freund fährt heute zum bestimmt vierten Mal in Urlaub – mit dem Wohnmobil – und ich bin neidisch.  Die paar Tage, die ich woanders war, kann ich an meinen zehn Fingern abzählen. Raus will ich, am liebsten ans Meer, am allerliebsten an die Ostsee! Dabei ist es völlig egal, ob es Sommer, Winter, Frühling oder Herbst ist, dieses Wasser liebe ich. Auch ist es egal, ob Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern! Es ist überall schön, man kann es nicht miteinander vergleichen. Ich möchte wegfahren, raus aus dieser Enge, fort von den festgefahrenen Beziehungen, etwas anderes als Weinberge sehen, nicht selbst kochen und mit den Junioren abends in einem Bett kuscheln und vorlesen. Seeluft regt den Appetit an – Carsten würde wenigstens für eine Weile gut essen. Wiebke könnte gegen den Wind anschreien und wir alle Fisch satt essen. Es wird nichts werden. Wir haben keine Begleitung …

Rückenschmerzen habe ich, weil es an der Zeit war, das Wohnzimmer umzustellen. Kaminzeit wird es langsam wieder und draußen ist es eh dunkel. Dass ich immer noch nicht fit bin, habe ich gemerkt, als der Teppich schon aufgerollt und die Sofas mitten im Raum standen – da gab es kein zurück, da musste ich durch. Im Frühjahr wurde der Kamin nicht richtig geputzt. Ich habe es einfach nicht geschafft, aber so, wie er war, konnte der Kamin nicht bleiben. Meine hellgrauen Haare waren schlussendlich dunkelgrau und mein Rücken jubilierte. Was bin ich froh, dass das nur eine vorübergehende Erscheinung ist, denn mein Rücken ist eigentlich topp!

Mein Fotoapparat ist immer noch kaputt, der Junioren ihre Speichenschutze am Rollstuhl halten nur noch mit Klebeband zusammen und die Greifreifenüberzüge – ja sowas gibt es – sind dermaßen schmutzig und nicht sauber zu bekommen, dass ich gleich im Doppelpack eine neue Ausstattung bestellt habe. Das geht jetzt alles den Weg durch die Instanzen: Rezept mit Begründung und Diagnose der Behinderung zum Sanitätshaus bringen, dieses reicht das Rezept bei der Krankenkasse ein, da wird es geprüft, eventuell noch einmal bei uns nachgefragt und erst dann können die Teile bestellt werden. Wiebkes neue Brille drückt. Ich vermute, mein Töchting mag diese Brille nicht und hat absichtlich die Bügel ein bisschen richtig gebogen. Okay, heute habe ich die alte Brille mit neuen Gläsern abgeholt – damit sollte dies Problem vom Tisch sein.

… und jetzt gibts ‘nen Kaffee und Schokolade – Nervennahrung – heute Nachmittag brauche ich starke Nerven und Geduld und den Klappe halten Spruch muss ich mir dick hinters Ohr schreiben!

Veröffentlicht von piri ulbrich

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Asperger-Autistin bin ich obendrein auch. ❤️ -*-*-*-*-*-*-*-*- In Momenten, in denen ich an mir und meiner Arbeit zweifle und meine, nichts Gutes auf die Reihe zu bekommen, denke ich manchmal daran, mir kurz das, was ich schon geschaffen habe, anzuschauen. Dann geht's wieder ...

8 Gedanken zu „Wegfahrwehdam, Rückenweh und anderes“

  1. Christel sagt:

    Schreib mal bitte den Klappe halten Spruch hier auf ich habe heute einen ganz komischen angstmachenden Termin da müsste ich auch unbedingt die Klappe halten.

    Nachsatz:
    das mit dem in Urlaub fahren kann ich sehr gut verstehen ich musste dieses Jahr es wäre eine Woche Norderney gewesen nach Jahren ohne Urlaub aus Gesundheitsgründen da mussten wir nach ein paar Tagen alle von der Insel runter wegen Corona. Alleine reisen ist mir nicht mehr möglich.

    1. piri ulbrich sagt:

      Es gibt keinen bestimmten Spruch – einfach mal still sein. Einfach mal nichts sagen!

  2. christine b sagt:

    die sehnsucht nach dem meer! die tut ja direkt weh!
    das plagt mich so wie dich, die woche am österr. see war nett, aber kann keinen meeraufenthalt ersetzen.
    hat man den gemacht, kann man den langen winter viel besser überstehen.
    der alltag und seine negativen seiten nagen ganz schön an dir, hoffentlich wird dein rücken wieder schnell besser.

    1. piri ulbrich sagt:

      Der Rücken ist das kleinste Problem, der wird wieder – ist er schon fast. Die Sehnsucht wegzufahren ist viel größer. Es tut so gut, dass du das verstehst, so bin ich nicht allein!

  3. dergl sagt:

    Ich wünsche euch, dass die Kasse kein Geraffel wegen der Speichenschutze und Greifreifenüberzüge macht. Gibt ja leider in einigen Kassen einige Leute, die meinen, das seien Accessoires oder sinnloser Schnickschnack, der nur schön aussieht. Es wird Leute geben, die es nicht brauchen und es aus Gründen der Ästhetik oder des schöneren Greifgefühls möchten, aber die bekommen das bekanntlich meist nicht verschrieben. Dass es einen Grund hat, dass so etwas verordnet wird ist manchen Sachbearbeitenden zu hoch.

    Ich selbst würde nicht wegfahren wollen, aber ich merke, dass so langsam der – wie du es nennst – Wehdam einsetzt, weil mich dieses Jahr auch keine:r besuchen kann. Planmäßig hätte ich im Sommer Freunde aus dem Breisgau hier gehabt und auch an meinem Geburtstag volles Haus – war beziehungsweise wird alles nix.

    1. piri ulbrich sagt:

      Ach, das mit den Rollstühlen, das krieg ich schon hin. Dies Eingesperrtsein, weißt du, das ist es was mir Kummer bereitet.

  4. Der Emil sagt:

    Würde ich denn als Begleiter taugen, frage ich mich(!) und finde keine sichere Antwort im Moment. Ich hänge nämlich in “meinem” Tagesrhythmus verdammt fest, schlafe meine mittlerweile acht Stunden bis zehn oder elf Uhr und kriege es nicht hin, den Rhythmus zu verschieben …

    1. piri ulbrich sagt:

      So lange würden wir im Urlaub auch schlafen, nur wahrscheinlich sind wir zu ganz anderen Zeiten wach, als du. Denn generell könnte ich mir dich als Begleiter sehr gut vorstellen.

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