Fräulein Drost

Irgendwann musste ich ja auch mal zur Schule gehen – es war zwar nicht mein Hauptlebensziel, aber ich habe mich gefügt. Die Schule war alt, zugig und roch muffig, war am anderen Ende der Stadt  – so kam mir das jedenfalls vor – und ich kannte niemanden, der mit mir dort hinwollte.

Irgendwann in der ersten Klasse hat der Lehrer gefragt, wann wir Geburtstag haben und ob wir uns schon drauf freuen würden. Als ich dann sagte, dass ich mich sehr auf meinen zweiten Geburtstag freuen würde, wurde er komisch und zitierte mich nach vorne. Er meinte wohl, diesem ungebildeten Gör erklären zu müssen, dass der zweite Geburtstag doch schon längst vorbei wäre, denn ansonsten würde ich ja jetzt nicht hier stehen und zur Schule gehen. Von da an, war der Mann für mich unten durch!

Irgendwann in der zweiten Klasse wurde wieder nach dem schönsten Geschenk, das wir bei unserem letzten Geburtstag bekommen hatten, gefragt – ich konnte mich nicht erinnern!

Dann sind wir umgezogen und ich kam in eine neue Schule mit neuen Lehrern. Eine kleine überschaubare Schule, ganz nah bei unserem Haus. Und, ich war nicht mehr allein!

Fräulein Drost kam in mein Leben. Fräulein Drost, die wert darauf legte, dass sie ein Fräulein war. Ein Fräulein im fortgeschrittenen Alter – uralt dachte ich, wahrscheinlich so um die 45 Jahre, aber als Drittklässler sind alle Menschen über 30 Jahre uralt. Fräulein Drost war nett, Fräulein Drost hatte Humor, Fräulein Drost war auf einmal, nach meiner Oma, der beste Mensch der Welt. Außerdem fragte Fräulein Drost nie nach Geburtstagen, sie feierte sie einfach mit ihren Schülern. Und sie feierte ihn mit mir und mit… tja, jetzt weiß ich gar nicht mehr, wie die beiden Jungs hießen, die mit mir zusammen den besonderen zweiten Geburtstag feierten. Wir waren nämlich drei, die im Schaltjahr 1956 geboren wurden – und die einzigen in der Schule. Diese Schule war an diesem Tag geschmückt mit Allerlei, was der Fundus hergab. Papierblumen, die Exponate wurden rausgestellt, irgendwo saß eine ausgestopfte Eule, das saß ein Fuchs und in der Ecke lagen Eier, auf die sich eine Henne setzen wollte und nicht konnte, weil sie steif wie ein Brett war.

Ich erinnere mich nicht an die Geburtstagsfeier Zuhause, aber dieser Tag in der Schule, vorne sitzen, eingerahmt von zwei Jungs, den werde ich nie vergessen! Das alles nur wegen Fräulein Drost!

12 Kommentare

  1. Petra, du schreibst schön.

  2. Solche Lehrkräfte vergisst man nie, gell… Bei mir war’s ein Lehrer, groß wie ein Baum, mit einer beträchtlichen Leibesfülle. Ich verehre ihn heute immer noch, weil er meinen Eltern begreiflich gemacht hatte, dass ich kein geistig zurückgebliebenes Depperl war, sondern im Gegenteil sogar sehr intelligent…

  3. Ich erinnere mich auch an Fräulein Schmid. Solche Lehrer bleiben einem immer in Erinnerung.

  4. So schöner kleiner Text!
    So will ich auch einigen ehemaligen Schülern in Erinnerung geblieben sein. So manches habe ich ganz anders gemacht, das mochten die Kinder, die Kollegen jedoch nicht. Sie beanstandeten zum Beispiel, dass ich die gemalten Bilder nicht streng in Reihen aufhängte…
    Petra, es tut so gut, das von Fräulein Drost zu lesen!

  5. Mein Fräulein hieß Conradi und wollte kein Fräulein bleiben. Das war aber nach dem Krieg im männerarmen Deutschland schwierig, darum ging sie nach dem 1. Halbjahr der 3. Klasse nach Kanada, wo die deutschen Frauen beliebt und Mangelware gewesen sind.
    Ja , Sonja, als so eine Lehrerin wären wir beide auch gerne unseren früheren Schülern in Erinnerung… Gelle!

  6. Toll, Deine Lehrerin.

    Sie machte euren besonderen Geburtstag zu einem ganz besonderen Tag.

    zum Stichwort Fräulein:
    == als ich zur Schule ging wurden die unverheirateten Lehrerinnen auch noch Fräulein genannt und damals alle unverheirateten Frauen insgesamt. Eine meiner Lehrerinnen “Fräulein Schmidt” war später die Lehrerin meines Sohnes. Es war für mich sehr schwierig umzudenken und zu ihr “Frau Schmidt” zu sagen :) ==

    :rose:

  7. Mein Fräulein hieß Bünning. Sie hatte mal eine Hirnhautentzündung gehabt, davon blieb ihr eine entstellende Narbe über dem rechten Auge. Oder war es das linke? Egal. Jedenfalls galt alls ausgemacht, dass sie ein Fräulein bleiben würde, war sowieso schon uralt. außerdem gab esdamals sehr viele hübsche junge Witwen. Sie war um die 35 vermutlich. Ich war fünfeinhalb, dann sechs, sieben. Immer dieses unschöne Fräulein Bünning. Sie hatte sich einen Jungen, der hieß Rainer und war kein Rabauke, ausgeguckt, den verhaute sie regelmäßig mit dem Stock. Einmal schrieb sie ihm einen Zettel an die Eltern, er solle keine Lederhosen anziehen, denn dann würde er ja nichts spüren. Diese Erniedigung, die schon damals einen sexuellen Beigeschmack für mich hatte, erniedrigte auch mich, als gezwungene Zuschauerin. Ich habe es nie vergessen und mir wird immer noch schlecht davon.
    Ich war mit Sondergenehmigung in die erste Klasse gekommen, weil ich zu jung war, aber unbedingt in die Schule wollte.
    Wie gut, dass du ein Fräulein Drost hattest.

  8. Was für eine tolle Lehrerin. Meine hieß Fräulein Mohrenberg, Klassen- und Kunstlehrerin in der 5. Klasse. Sie bestärkte die Kinder immer positiv, nie kam vernichtende Kritik. Sie ermunterte mich beim Malen und Zeichnen, so dass ich bis heute nie den Spaß daran verlor, obwohl ich nicht überdurchschnittlich begabt bin.

  9. Solche Erinnnerungen sind es, die die Kindheit manchmal etwas schöner machen.

    Mein Großonkel (mit echtem Holzbein) hatte meine Großtante an diesem Tag 1936 geehelicht — sie sind beide schon lange wieder zusammen — und so konnte das in der Familie nie vergessen werden.

  10. welch schöne erinnerungen darfst du haben petra!
    das mußte ein toller tag für dich gewesen sein!
    in so netter atmosphäre mit 2 kindern feiern zu können, die auch nur alle 4 jahre geburtstag feiern dürfen.

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