Behinderung, Familie, Gedanken, Kuddelmuddel

Nachklapp

Heute vor einer Woche waren wir noch zur Kur. Dem Kerle ging es schlecht und der Verdacht einer Lungenentzündung stand im Raum. Sein Essverhalten hatte sich in der Zeit nicht verändert, weiterhin aß er viel zu wenig und wurde immer schlapper. Das Töchting zuckte jedes Mal, wenn er auch nur hüstelte, zusammen und unsere gesamte Situation war angespannt. Sonntagmittag war Carsten kurz aufgestanden, hatte dann eine Partie MenschÄrgereDichNicht gespielt und war anschließend völlig fertig. Ich setzte ihn aufs Bett und dann schoss es auch schon aus ihm heraus. Das war zu viel für mich. Ich bat um einen Arzt. Der kam auch und meinte, dass Carsten besser ins Krankenhaus gebracht werden sollte.

Das war gut so. Hätten wir es nicht gemacht, hätten wir die Logopädin nicht kennengelernt. Dann wäre Wiebke zwar das schreckliche Erlebnis, allein im Kurhaus bleiben zu müssen, erspart geblieben, aber wir wüssten immer noch nicht (wissen wir es jetzt, oder vermuten wir nur wieder etwas Neues?) warum der Kerle hustet und kotzt!

Krankenhausaufenthalte sind für die Junioren nichts traumatisches – zum Glück. Das war es auch diesmal nicht! Als Eltern haben wir von klein an darauf gedrängt, dass alle Untersuchungen verstandesmäßig erklärt werden. So wussten meine Kinder immer, dass, wenn es auch weh tat, alles zu ihrem Guten getan wird. Natürlich gab es dennoch Tränen! Arztbesuche machen generell keinen Spaß, meine Junioren wissen aber, dass Untersuchungen notwendig sind. In diesem Krankenhaus war Maskenpflicht. Sogar der kleine Kerle sollte eine aufsetzen. Er verschwand und ward nicht gesehen, ganz abgesehen davon, dass er selbst nichts mehr sah.  Das hat Carsten gestört: „Ich habe eine Maskenbefreiung, ich mach die Maske ab, okay?“ Der Pfleger grinste und der Arzt mit ihm. Nur eine ältere Krankenschwester motzte noch einmal kurz, aber ihr schenkte mein Sohn sein charmantestes Lächeln und damit war der Drops gelutscht.

Gut, es wurde nur geröntgt, ein CT des Thorax gemacht und eine glibbrige Ultraschalluntersuchung. Es wurde 2mal Blut abgenommen – dafür hat mein cooler Sohn sehr lässig die Arme ausgestreckt: „Ihr könnt euch aussuchen, welche meiner dünnen Venen ihr stechen wollt. Leicht wirds nicht werden!“ Den verdutzten Blick werde ich so schnell nicht vergessen. „Dass er keine Angst hat…!“ „Warum sollte er? Wenn Sie gut stechen, tuts doch auch nicht sehr weh!“ Anscheinend war die nette Schwester anderes gewohnt – auch bei nicht behinderten erwachsenen Menschen! Auf Station musste jede Pflegehelferin und alles Personal mal kurz in unser Zimmer gucken. Carsten schenkte jedem sein schönstes Lächel, manchmal etwas gequält, wenn ihm der Magen oder die Brust weh tat, aber immer aus vollem Herzen. – So hatte er sie alle für sich eingenommen.

Wiebke währenddessen war sehr tapfer. Im Kurhaus kümmerte sich eine andere Mutter sehr liebevoll um sie und auch die Patientenbetreuerin hat tolle Arbeit geleistet und die zwei Nächte allein hat sie eine Betreuerin aus dem Kinderpavillon begleitet – mein Töchting musste nicht allein im Zimmer schlafen. Es war immer jemand für sie da. Sie war zwar traurig und bestimmt auch etwas besorgt, aber in guten Händen. Dankeschön!

Als wir Dienstagmittag aus dem Krankenhaus entlassen wurden und ich Carsten für die Stunden, die ich zum Koffer packen brauchte, in die Betreuungsgruppe brachte, guckte mich mein Töchting nicht an – strafte mich mit Nichtbeachtung. Das hat sich schnell gelegt, nachdem ich auch ihr den Sachverhalt, ihrem Verständnis entsprechend, erklärt hatte.

Heute ist wieder Sonntag. Eine Woche ist vergangen. Wiebke badet, Carsten schläft noch und ganz viele Arztbesuche müssen organisiert werden, denn vermutlich hat die Schluckstörung eine genetische Ursache und ist Teil des Syndroms.

So, sollte ich jetzt einen schlauen Abschlusssatz schreiben? Den wird es nicht geben, weil mir keiner einfällt!

Veröffentlicht von piri

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Asperger-Autistin bin ich obendrein auch. -*-*-*-*-*-*-*-*- In Momenten, in denen ich an mir und meiner Arbeit zweifle und meine, nichts Gutes auf die Reihe zu bekommen, denke ich manchmal daran, mir kurz das, was ich schon geschaffen habe, anzuschauen. Dann geht's wieder ...

7 Gedanken zu „Nachklapp“

  1. freiedenkerin sagt:

    Ich drücke ganz, ganz fest die Daumen, dass man jetzt endlich die Ursache für die Schluckstörungen finden möge, und eine hilfreiche Behandlung mit dazu!

    1. piri sagt:

      Wir haben eine Verdachtsdiagnose – jetzt brauchen wir nur noch die passenden Ärzte dazu! 😉

    2. Reni E. sagt:

      Zu wissen, woran Carstens Beschwerden liegen ist sicher gut. Obwohl dies sie natürlich nicht besser macht. Oder vielleicht doch? Ich drücke die Daumen!
      LG Reni

      1. piri sagt:

        Ja, es macht es (die Essensituation) nicht besser zu vermuten, welche Krankheit Carsten hat. Wir haben noch lange keinen Behandlungsplan, wir haben noch nicht einmal einen Arzt, der sich damit auskennt und uns die Diagnose bestätigt!

  2. Monika sagt:

    Ich drücke dir die Daumen das du den passenden Arzt für deinen Sohn findest.

  3. Gudrun sagt:

    Ein Ansatz ist es und vielleicht gibt es dann auch eine Idee, wie Carsten geholfen werden kann und damit euch allen Dreien. Ich wünsche mir das sehr.

  4. christine b sagt:

    danke für die genauen infos, die sind für uns leser sehr wichtig.
    echt klasse, wie deine junioren carstens krankenhaustage gut hinter sich gebracht haben und du auch.
    ihr seid schon ein tolles team und auch im kurheim klappte das vorzüglich.
    wünsche euch sehr , dass es für carsten eine behandlung gibt und ihr einen arzt findet, der ihm helfen kann und er sich nicht mehr so quälen muß und du und wiebke sich nicht so um ihn sorgen müßt.

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