Behinderung, Gedanken

25.6.21 abends

Das kannst du doch nicht vergleichen, das ist doch ein erwachsener Mann, den die Gabriele von Arnim pflegt!

Das kam als Kommentar, als ich einer Bekannten das Buch von Gabriele von Arnim empfohlen hatte und ich sagte, dass ich mich darin wiederfinde! Ob meine Junioren denn nicht erwachsen seien und wie sie das beurteilen könne, dass meine Pflegeleistung eine nicht so dramatische wäre – darauf meinte sie nur: „Der Mann stand doch im Berufsleben und war ein angesehener Journalist!“ 

Wird hier auch wieder einmal mit zweierlei Maß gemessen?

Veröffentlicht von piri

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Asperger-Autistin bin ich obendrein auch. -*-*-*-*-*-*-*-*- In Momenten, in denen ich an mir und meiner Arbeit zweifle und meine, nichts Gutes auf die Reihe zu bekommen, denke ich manchmal daran, mir kurz das, was ich schon geschaffen habe, anzuschauen. Dann geht's wieder ...

9 Gedanken zu „25.6.21 abends“

  1. Sonja sagt:

    Beim Lesen des Buches habe ich öfter an dich gedacht. Immer im Hinterkopf, dass du zwei Menschen versorgst und sie eben einen! ZWEI!
    Sehr gut fand ich, dass sie sich ab und zu kleine Freiheiten schenkte. Kleine…

    1. Christel sagt:

      Das wichtige in der Pflege ist die Liebe. Fuer uns war die Zeit eine positive Familienerfahrung.

    2. piri sagt:

      Die habe ich ja auch – die kleinen Freiheiten und die lasse ich mir nicht nehmen.

  2. Violine sagt:

    Ach, ich denke, kein Pflegefall ist wie der andere, auch wenn (grosse) Ähnlichkeiten bestehen (sonst könnte man sie nicht in die Schublade „Pflegefall“ stecken).

    Ich finde es schön, dass in dem Buch Worte und Beschreibungen dafür gefunden werden, was Du erlebst.
    Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass das gut tut, denn ich selbst konnte nie beschreiben, was das mit meinem Vater war (heute sage ich, er hätte zeit Lebens ins Heim gehört). Da kam letztens ein Feature von Deutschlandfunk, in dem es hiess, dass Alkoholiker einen regelrecht in die Co-Abhängigkeit zwingen. Er war zwar kein Alkoholiker, aber ich habe ihn darin wiedergefunden. Wunderbar, endlich Worte für das Erlebte, selbst wenn ich sie nicht weitertrage. Und nicht mehr so alleine stehen.

    1. piri sagt:

      Kein Mensch ist gleich, niemand wie ein anderer und meine Erfahrung deckt sich nur bedingt mit der von der Schriftstellerin.

  3. momfilou sagt:

    Wenn du dich wiederfinden konntest und es dir gut tat, dann lass dich nicht beirren!
    Liebe Grüße und einen guten Samstag wünscht euch
    Gerel

    1. piri sagt:

      Beirren lasse ich mich nicht, ich mache mein Ding – dabei hätte ich nur manchmal gerne – wenn nicht tatkräftige Hilfe – wenigstens keine Steine in den Weg gelegt.

  4. dergl sagt:

    Ja, zweierlei Maß. Oft ist das so, es geht immer (oft internalisiert, so dass es den Leuten vielleicht gar nicht bewusst ist) um die wirtschaftliche „Verwertbarkeit“. Ein Journalist hat „mal was geleistet“ und die Junioren aus solcher Sicht nicht. Was total bescheuert ist, denn die Junoren leisten auch was, nur eben was, womit man kein Geld generieren kann. Wenn Carsten so kommunikativ ist und so gerne redet und diskutiert, kann das für eine andere Person, die sich vielleicht gerade einsam fühlt einen sehr hohen Wert haben, nur dass der halt nicht in Geld messbar ist. Und Wiebke kann vielleicht auch irgendetwas, das für eine andere Person unbezahlbar ist.
    Vielleicht ihr Singen oder ihre Fotos.

    Eine Freundin von mir hat ALS. Wenn sie das sagt, kommt oft „Oh, das, was Jörg Immendorff hatte“. Richtig, gleiche Krankheit/Behinderung und ungefähr gleicher Assistenzbedarf. Nur ist es bei ihr für viele Leute „egal“, weil sie im Heim lebt. Sie „leistet“ ja nichts mehr (im wirtschaftlichen Sinn) und schon ein bestimmter Trinkbecher gilt als Luxus, der ihr nicht zusteht, weil das als zusätzlicher Aufwand für die Pflegenden gesehen wird. Soll sie doch ne Babyflasche nehmen… (Ergo infantilisiert werden.) Während Jörg Immendorff teils sieben Assistenzpersonen gleichzeitig dabei hatte und diese Pflege dazu und jene Ausrüstung dazu und es bei ihm als normal gesehen wurde/wird – der war ja Künstler und Uni-Dozent (und hatte damit ja etwas „Wertvolles“ geschaffen).

    Die Leute merken das oft nicht, weil es so tief sitzt, aber das ist das „unnütze Fresser“-Narrativ, was sich da verankert hat.

  5. Christa+Hartwig sagt:

    Das klingt nicht nur als würde … Nein, es bedeutet tatsächlich, dass jemand sich anmaßt, a) den Wert einer pflegebedürftigen Person zu beurteilen und b) den Wert der dieser Person gewidmeten Pflege dann entsprechend anzusetzen. -Das ist in zweifacher Hinsicht UNSÄGLICH.

Kommentare sind geschlossen.