Gedanken

Rilke und Mut

Wir müssen unser Dasein so weit, als es irgend geht, annehmen; alles, auch das Unerhörte, muss darin möglich sein. Das ist im Grunde der einzige Mut, den man von uns verlangt: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann.

Gestern Abend habe ich Muße gefunden einmal wieder Rilke zu lesen. Ich kann das nur häppchenweise, denn wie viele Frauen meiner Generation einen Narren an Hesse gefressen haben, so ist das bei mir Rilke. Der Mensch, als solches ist mir suspekt – er muss ein wahrer Macho gewesen sein. Dennoch mag ich seine Gedichte. Sie regen mich auf und an zum Nachdenken. Gerade dieses Zitat, das aus einem Brief an Kappus stammt, beschäftigt mich gerade in dieser Zeit. Mut ist ein Thema, ein starkes Thema für mich. Und gerade weil ich ängstlich bin, bin ich auch sehr mutig – war es schon immer. Erinnern kann ich mich, dass ich als Kind auf die höchsten Bäume geklettert bin und Blut und Wasser geschwitzt habe, dass ich mir nicht nehmen ließ, Felsen hochzuklettern und Kirchtürme waren nur beim Hinuntersteigen eine Herausforderung für mich. Dennoch habe ich meine Angst nie verloren, auch wenn ich noch so waghalsigste Dinge machte. Die Angst ist in mir. Wenn ich etwas machen kann – auf Türme steigen zum Beispiel – dann kann ich die Angst annehmen, besiegen will ich sie ja gar nicht. Aber wenn ich eine diffuse Angst habe, eine nicht greifbare eine surreale – vorm telefonieren zum Beispiel  – dann steht sie, wie der schwarze Hund vor mir und ich bin wie gelähmt.

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Heute muss ich einige Telefonate führen, mein ganzer Körper zittert. Ich weiß, ich werde es schaffen – aber ich brauche ne Menge Mut!

Veröffentlicht von piri

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Asperger-Autistin bin ich obendrein auch. -*-*-*-*-*-*-*-*- In Momenten, in denen ich an mir und meiner Arbeit zweifle und meine, nichts Gutes auf die Reihe zu bekommen, denke ich manchmal daran, mir kurz das, was ich schon geschaffen habe, anzuschauen. Dann geht's wieder ...

8 Gedanken zu „Rilke und Mut“

  1. B sagt:

    Viel Erfolg…. Du schaffst das…!

  2. Paula sagt:

    Du bist mutig, ohne Angst bräuchte man überhaupt keinen Mut.

  3. Verwandlerin sagt:

    Rilkes Lyrik ist toll!

    Guten Mut dir!

  4. Gudrun sagt:

    Du hast den Mut. Ganz bestimmt.

    1. piri ulbrich sagt:

      Natürlich!

  5. isa sagt:

    Es sind die Ungewissheiten, die sich in diffusen Ängsten verstecken. Im Umkehrschluss schützen diffuse Ängste vor Entscheidungen, die zu treffen wären.

    1. piri ulbrich sagt:

      Es wird ja schlussendlich alles irgendwie gut. Vielleicht nicht so, wie erträumt, aber mutig getan mit stolz geschwellter Brust – wenigstens für einen kurzen Augenblick.

  6. Der Wilhelm sagt:

    Dieser Rilke-Text war mir bisher völlig unbekannt und ist ein wahres Goldstück an Klugheit.
    Danke Dir fürs Teilen…..

    Und ja, ohne Angsthaben gibt es kein Mutigsein, denn wo keine Angst ist, wäre Mut nicht nötig

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