voller worte

Wohin damit?

Es ist endlich Freitagabend, mein Mann hat frei und das Seminar ist vorbei. Es ist unglaublich was ein angehender Meister alles lernen muss. Aber nun ist er ja da, kann sich um seine hochschwangere Frau – um mich – kümmern.

Leichten Herzens verlasse ich mit meinem Entbindungsköfferchen mein Elternhaus und fahre zurück in unsere kleine Dachwohnung mitten in der Stadt. Es ist auch viel näher am Krankenhaus und außerdem brauche ich die besorgten Blicke der werdenden Großmutter nicht sehen.

Die Nacht unterm Dach war kuschelig und schön.

Samstagmorgen halb sechs. Ich wecke meinen Mann: „Du, ich glaube, wir müssen los, das ganze Bett ist nass, unser Kind will auf die Welt.“ „Ja“, kurz, hastig spricht er, reagiert aber ganz rational, nimmt den Koffer, fragt mich, ob ich alleine laufen kann und rennt los, das Auto holen.

Im Krankenhaus angekommen meint die Hebamme: „Das kann noch dauern!“ Tat es aber nicht! Zu meinem Mann sagte sie: „Gehen Sie mal nach Hause, kochen sich ‚nen starken Kaffee und dann kommen sie mittags wieder und dann geht’s wohl los.“ Wie sich die Dame täuschte!

Da war es kurz nach acht, unser Kind kam noch vor zehn auf die Welt. Es überschlugen sich die Ereignisse. Hektik kam auf, der hinzugezogene Kinderarzt murmelte vor sich hin, der Frauenarzt hatte sich wohlweislich verzogen – ich lag da, wusste nichts, hatte grade ein Kind geboren, niemand gratulierte mir und keiner gab mir irgendeine Auskunft. „Was ist? Ist mein Kind gesund?“ Zögerlich kam die Antwort: „Wir wissen nicht, ob es ein Junge oder Mädchen ist!“ Keine Antwort auf meine Frage, ob das Kind gesund ist. Sie haben mich einfach liegen lassen.

Als mein Mann völlig aufgelöst und total aufgeregt eine Viertelstunde später ankam, hatte ich noch kein Zimmer, wusste immer noch nichts, aber das Kind war weg. In die Kinderklinik geschafft.

Am 24. Januar! Es wurde Fasching, mein Vater klagte darüber die Halbjahreszeugnisse schreiben zu müssen, meine Schwester rammte sich beim Schlittenfahren einen Ast ins Gesicht. Im Februar hatte ich Geburtstag, endlich mal wieder. Schnee lag noch immer. Der März begann wie der Februar aufhörte, mit dem Besuch in der Kinderklinik auf dem Laubengang, draußen, egal bei welchem Wetter, Regen, Schneeschauer, Sonnenschein, sogar im Nebel stand ich dort, guckte das Kind an, von dem ich nun wusste, dass es ein Junge war und stand. Stand einfach dort, kein Stuhl war im Freien, keine Bank und auch sonst niemand – draußen. Drinnen, war das Kind.

Mein Mann machte unterdessen seine Meisterprüfung, die Narbe meiner Schwester leuchtete nicht mehr so grell, meine Mutter begann Patchwork zu machen, meine Oma buk einen Kuchen. Einer meiner Brüder brach sich ein Bein! Meine Cousine kam von ihrem Auslandsjahr heim. Der April begann mit Sturm und Drang, ich stand auf dem Gang. Geburtstag der Jungs wurde gefeiert, alle drei auf einmal, weil sie ja am gleichen Tag Geburtstag haben, nur nicht geboren sind: 3 Bruder, 2 Alter. Die Apfelbäumchen blühten und ich stand immer noch draußen, fror schon lange nicht mehr und hatte kurze Jacken an.

Geburtstag, wieder einer. Jetzt der vom Vater. Ich wollte nicht mehr stehen und fasste all meinen Mut und ging rein, ins Arztzimmer; diesmal um zu sagen, dass ich mein Kind haben will. „Es ist noch viel zu klein …“ „Doch ist er schon älter als drei Monate, ich will ihn spüren, drücken, in den Arm nehmen und liebkosen.“ „Lassen sie diese Rührseligkeiten, es schadet dem Kind, es muss erst 2500g haben, dann dürfen sie es mit nach Hause nehmen.“

Das waren noch fast 400g! Wie lange das noch dauern würde?

„Auf eigene Verantwortung, unterschreiben sie!“

Der 12. Mai, ein Tag vor dem Geburtstag des stolzen Großvaters durften wir auf Station, Carsten abholen. Meine Hände zitterten, ich konnte kaum stehen, mein Mann musste das Körbchen tragen. Die Kinderschwestern gaben uns zu dem Knaben eine gestrickte Mütze – gemacht für eine Puppe – mit nach Hause!

Kategorien: Familie, Gedanken, Ich, Junioren

Frage | 29. April 17 » « Ach, hätt ich doch …

13 Kommentare

  1. Sehr berührend, liebe Petra. Man hat eine Menge von dir abverlangt, so lange auf euer Kind verzichten zu müssen.

  2. Wie traurig und beelendend. Ich wusste nicht, dass man das heute noch so macht. Bei uns auf der Neonatologie dürfen die Mamis ihre Kleinen zu sich auf den Bauch/ Brustkorb nehmen….
    Was für eine harte Zeit.
    Sei gedrückt. Priska

  3. Petra …

    Da bleibt in mir nur eine traurige Leere, die ich mitfühle (?). Wie … wie anders damals die Regeln waren, das merke auch ich heute noch, beinahe täglich. Wenn ich dürfte, würde ich jetzt gern neben Dir sitzen und meine Arme um Dich legen.

  4. Ich sehe das erst heute. Carsten ist am 24.01. geboren? Das ist gerade irgendwie grotesk, denn ich sollte am 24.01. (1981) kommen, kam aber im Herbst 1980. Und ich habe auch Puppenkleider getragen.

  5. Gänsehaut … alleine wenn ich mir die Worte „wir wissen nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist“ so durch den Kopf hallen lasse …

  6. Neben allen anderen Schwierigkeiten muss es wirklich furchtbar sein, das eigene Kind so lange nicht bei sich haben zu dürfen! Petra, ich umarme dich aus der Ferne. <3

ich freu mich über Kommentare

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