75tausend

Im Laufe dieses heutigen Tages sind mir mehr als 75tausend Gedanken durch den Kopf gegangen. Angefangen hat der Tag einmal wieder mit einem nassen Bett – doch so etwas ficht mich überhaupt nicht mehr an, ist es Routine. Arbeit ist es trotzdem.

In Carstens und Wiebkes Lebenswerkstatt stand das allererste Entwicklungsgespräch an, das ab sofort den Eingliederungsplan ablösen soll. Ein schwieriges Terrain als Erste ins kalte Wasser geworfen zu werden. Interessant und spannend.

Man sollte meinen, dass es ein leichtes ist, zwei Gespräche hintereinander zu führen, zumal es sich um Geschwister handelt. Nur sind der Kerle und das Töchting zwar eine besondere Einheit, aber beileibe nicht einmal ähnlich. Sie sind Topf und Deckel, Arsch auf Eimer. Sie ergänzen sich vortrefflich – das macht aber Gespräche mit ihnen zusammen nicht leichter. Jeder meiner Junioren ist eine starke Persönlichkeit. Carsten, der Charmeur und äußerst kommunikativer Mensch und Wiebke, die kritisch beobachtende Autistin – gegensätzlicheres und dennoch eine Einheit bildend, gibt es kaum ein zweites Mal. Das hat uns der Gesprächsleiter bestätigt.

Mich hat diese Situation herausgefordert, ein wenig überfordert, aber eigentlich eher strapaziert. Ich bin sehr stolz auf meine Kinder, haben Sie eindrucksvoll bewiesen, dass ich (und MamS) in der Erziehung sehr viel richtig gemacht habe. Sie sind keine Aufziehpüppchen, sie sind authentisch und echt. Schwierige Personen beide, aber willensstarke Individuen.

Alles in allem, ein guter Anfang und eine Unterhaltung, die ausbaufähig ist.

Dazugekommen sind zu den 75tausend noch 348432 neue Gedanken.

…und jetzt greift der Zensor, denn wenn ich die Gedanken freilasse, so wie gestern Abend, dann kann ich nicht erwarten und tue es dennoch, dass ich ein bisschen Verständnis bekomme. Meine, unsere Welt ist eine so ganz andere, als eure – manchmal denke ich, dass ich mit den Junioren in einem Mikrokosmos wohne, aus dem der Kerle und das Töchting viel eher ausbrechen können, als ich. Ich fühle mich gefangen – auch in selbstauferlegten Konventionen.

Sicherlich ist dies, für die Vorweihnachtszeit ziemlich harter Tobak – wenn auch sehr kryptisch.

 

Lügen

Wir lügen täglich – alle! Vielleicht nicht bewusst und meistens belügen wir uns selber. Aus Rücksichtnahme sagen wir oft nicht die reine Wahrheit. Wer sagt, dass er nicht lügt, lügt sich selber was „in die Täsch“.

Nennt es schwindeln, es ändert nichts an der Tatsache – es sind immer die höflichsten Menschen, die am meisten lügen. Ich bin nicht besonders höflich und dennoch lüge ich. Manchmal aus Feigheit. Manchmal, um mich nicht erklären zu müssen, weil es harte Arbeit ist, zu erklären, warum ich so handle und nicht anders. Manchmal, um meine Ruhe zu haben. Manchmal, eigentlich meistens möchte ich niemanden verletzten – auch weil ich nicht ständig wohlmeinende Ratschläge diplomatisch entkräften möchte.

Lügen ist Selbstschutz und Schutz des Gegenübers.

… und jetzt habe ich mich wieder verzettelt! Mir geht es Sche..e und wirklich kann mir niemand helfen – jedenfalls niemand in meinem Umfeld. Denn, ich finde (entschuldigt) niemanden befugt und sachkundig und zuständig mir Ratschläge zu geben. Auch wenn mir so manche aus vollem Herzen helfen wollen…. So, und nun habe ich wieder einigen weh getan, obwohl ich das nicht will – Leute, ihr könnt mir keinen systemischen Therapeuten ersetzen, ich brauche professionelle Hilfe, zu denen ich Vertrauen habe und denen ich nicht das Blaue vom Himmel verspreche.

Ich bin in erster Linie ein Kopfmensch und nur so kann man mich knacken – Ablenkung will ich nicht, ich will verstehen!

An der Kurfront tut sich nichts, dabei bemüht sich eine Sachbearbeiterin (die im Gegensatz zu dem jungen Schnösel von heute morgen mit wirklichem Interesse engagiert ist) sehr um eine adäquate Lösung.

Die Komplexität wird immer verworrenener! Entwirren kann das – so sehe ich es – nur ein Profi!

…und was hat das mit Lügen zu tun?Ich hasse es, jemanden eine Absage zu erteilen, weil ich, wenn ich den wahren Grund nenne, diese Menschen verletze. Wenn ich aber nichts sage, dann vergewaltige ich mich und werde mir nicht gerecht.

Was man macht, ist blöd.

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Am liebsten täte ich mich jetzt irgendwohin beamen und nur ich sein.

…und wenn ich diesen Beitrag nicht passwortgeschützt habe, so ist das dennoch kein Grund Häme über mich auszugießen oder – ach, ich kann eh nicht rüberbringen, was in mir vorgeht.

Vorsicht, es weihnachtet sehr


Süß, süßer, kaum noch zu ertragen…

Überall trieft es nur vor Adventsstimmung und jeder versucht den anderen mit Niedlichkeit und Zuckerwatte zu übertreffen. Wo bleibt da der Sinn des Wartens? Diese Geschichten, die allüberall erzählt werden, die honiggetränkten Gedichte und die glühweinbeladenen Gedanken – puh, ich bekomme einen Insulinschock. Von allen Seiten regnet es billige Schokolade und die Junioren ertrinken in Süßigkeiten. Dabei sind sie äußerst verwöhnt und mögen schon lange keine lila kuhmilchgepanschte Vollmilchschokoladenweihnachtsmänner mehr. Warum muss alles blinken, glitzern, quietschsüß sein?

Da lobe ich mir das Wetter! Gerade ging ein Wintergewitter ab, zu dem man Sie sagen konnte. So etwas mag ich. Möchte zwar nicht mittendrin sein, aber dabei. In diesem Sinn, denkt mal über eure ach so niedlichen Adventsgeschichten nach und relativiert sie – wir warten nicht auf den Weihnachtsmann oder das Christkind, wir erwarten die Geburt Jesus Christus und dieses Kind kam in einem erbärmlichen Stall zur Welt…

wünschen darf man doch, oder?

Ich möchte satt sein
von guten Gesprächen,
satt von der Nähe,
von Zärtlichkeiten,
satt von Ideen,
satt von erleben,
satt des allein seins,
satt vor Lachen.

Ich möchte das Leben erleben,
möchte voll sein
– im Kopf, im Bauch und immer wieder etwas abgeben!

 


So ganz ist das nicht mein Text, ein bisschen auch Carstens und Wiebkes – unser aller Text; auch eurer, oder?

Nach der Magenspiegelung von Carsten ist die Esserei immer noch ein Thema, denn nichtsdestotrotz hat er ja abgenommen. Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich und was ich ändern kann – mal sehen!