SchlagwortKuddelmuddel

sieben Uhr dreiundvierzig

Heute mache ich drei Kreuze. Meine anstrengende Wiebke ist weg – in die Werkstatt gefahren worden. Schon beim Aufstehen knöttert sie vor sich hin und erklärt mir lang und breit, dass dieses oder jenes ja total doof ist und dass sie kein Brot als Vesper haben will und Müsli auch nicht, dass das Haarewaschen blöd ist und das Shampoo in den Augen brennt! Ununterbrochen meutert sie. Heute ist wieder ein Meckertag. „Die Hose mag ich nicht!“ „Welche Hose möchtest du stattdessen anziehen?“ „Weiß ich nicht!“ Weiß ich nicht, ist etwas, das Wiebke immer dann sagt, wenn sie nicht mehr weiterweiß oder nichts mehr zu dem Thema sagen will. „Ich pinkle in die Hose, die will ich nämlich nicht!“ „Okay!“

Es geht grad so weiter: Will keinen Kakao. Will keine Milch. Will keine Limo. Will keine Cola. Ich habe nix zu trinken!

Carsten erklärt mir – wie jeden Morgen – dass heute niemand kommt. „Auch in der Werkstatt kommt niemand. Wir sind unterbesetzt. J. hat sich krankgemeldet. S. ist krank. N. hat Fortbildung. „Wenn du Fortbildung hast, dann kannst du auch nicht arbeiten gehen!“ Recht hat er, aber ich kann es mir gar nicht erlauben krank zu sein.

„Die Jacke will ich nicht anziehen!“ „Ich auch nicht!“

Endlich sind sie weg! Jeden Morgen dasselbe Spiel!

Ubuntu ungamntu ngabanye abantu – Menschen sind Menschen durch andere Menschen. Es ist eine afrikanische Sprache – nur aus welchem Land kann ich nicht sagen, weiß ich nicht. Ich mag diesen Spruch so sehr. Was kann ein einzelner Mensch machen? Doch wirklich nicht viel!

…übrigens: ich freue mich über jeden Kommentar!

meine Audi-Dateien

Momentan sind die mp3-files nicht erreichbar. Ich hoffe aber sehr, dass sie wieder in den Weiten des www auftauchen!

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unruhig

Heute Morgen war die Unruhe greifbar. Nach einer Woche Ferien fällt es den Junioren schwer in die Werkstatt zu fahren. Sie dürfen eine Viertelstunde länger im Bett bleiben, weil niemand baden muss – wie er morgen aussieht, wer morgen badet, das wird sich zeigen. Gestern hatte der Helfer abgesagt, der mit uns nach Leipzig zum Humangenetischen Institut waren wollte. Er hatte mit der, mit mir zerstrittenen, Helferin gesprochen. Meine Sicht der Dinge kannte er nicht. Gleich werden wir miteinander reden. Aber schon gestern gab er mir, nach einem Telefongespräch, die Zusagen, dass er doch mitfährt.
Ich möchte endlich diese unschön endende Episode abschließen – ich kann nicht mehr! Es geht auf Kosten der Junioren.

Carstens schöne Winterjacke ist in der Freizeit verlorengegangen. Er hat seinen Schlafelch verschenkt und vermisst ihn jetzt sehr. Wiebkes orthopädische Schuhe drücken, ihr Hautausschlag ist noch immer da und ich habe überhaupt keine Ahnung woher er kommen könnte. Carsten hat in der Freizeit abgenommen.

Der normale Alltag ist wieder eingekehrt und täglich grüßt das Murmeltier.

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    Joni Mitchell – Both Sides Now deutsche Übersetzung

    Fließendes Engelhaar
    Eis-Schlösser hoch in der Luft
    und gefiederte Schluchten –
    so habe ich die Wolken gesehen
    Aber jetzt verdecken sie die Sonne
    sie lassen es regnen und schneien
    was hätte ich alles erreichen können
    aber Wolken waren mir im Weg

    Ich habe die Wolken von beiden Seiten gesehen
    von oben und unten und immer noch
    erinnere ich mich gerne
    an die wolkigen Luftillusionen
    aber wirklich verstehen kann ich sie nicht

    Junimonde und Riesenräder
    das schwindelerregende Glücksgefühl
    wenn alle Märchen wahr werden –
    so habe ich die Liebe gesehen
    aber jetzt geht es um etwas anderes
    du lachst, wenn du gehst
    und wenn es dir etwas ausmacht,
    dann zeigst du es nicht
    Gib nicht zu viel von dir preis.

    Ich habe die Liebe von beiden Seiten gesehen
    Geben und Nehmen und immer noch
    erinnere ich mich gerne an
    die Illusionen der Liebe
    aber wirklich verstehen kann ich sie nicht

    Tränen, Angst und Stolz
    laut „Ich liebe dich“ zu sagen
    Träume, Schäume und große Pläne,
    so habe ich das Leben gesehen
    Aber jetzt benehmen sich meine Freunde merkwürdig
    Sie sagen, ich hätte mich verändert
    immer ist etwas verloren und etwas gewonnen
    an jedem Tag des Lebens.

    Ich habe das Leben von beiden Seiten gesehen
    gewinnen und verlieren und irgendwie
    erinnere ich mich ich vor allem
    an die Illusionen des Lebens
    was Leben wirklich heißt, weiß ich nicht.

Sie sind wieder da

… Carsten quatscht mir die Ohren ab und Wiebke hat sich zurückgezogen. „Mama, da waren so viele Menschen, ich brauche erst mal Pause!“

“Du, das war dann doch schön! …und weißt du was?“ „Nein, sag’s mir!“ „Ich freu mich aufs ausschlafen, morgen.“ Typisch Carsten .

Es war grad richtig, grad richtig zum Vermissen, grad richtig sich wieder in die Arme nehmen zu können, grad richtig zum Urlaub machen, grad richtig um sich an den Winter zu gewöhnen …

Wenn ihr wollt, könnt ihr uns gerne etwas in den Hut werfen!

allein am Samstagmorgen

…um 5:30 Uhr war ich wach. Bin mit Kaffee zurück ins Bett und habe diesen prompt verschüttet. Ich bin es nicht gewohnt, nicht mehr gewohnt. Im Halbschlaf habe ich auf DLF-Kultur ein Feature über Zarah Leander gehört.

Ich werde immer ganz wehmütig, wenn ich diese dunkle Stimme höre. Die Nazis haben sie als Ersatz für Marlene Dietrich geholt, aber da tat man ihr sehr Unrecht, auch wenn sie sich instrumentalisieren lies. Goebbels, dieser merkwürdige Mensch, der so überhaupt nicht arisch aussah, hat ganz genau gewusst, wie er die Massen unterhalten konnte. Okay, ich werde nichts weiter schreiben – ich finde alle Nationalisten zum kotzen. Es gibt und gab keine Herrenrasse und es gibt auch heute kein Volk, das besser ist, als ein anderes.

Ich möchte nicht politisch werden. Punkt!

Aufgestanden bin ich um halb sieben, hab mich angezogen und bin durch die kalten Weinberge – viel zu dünn angezogen – geschlichen. Nun sitze ich frierend am PC, denke an meinen Opa, der mit Granatsplitter in der Stirn immer ein fröhlicher Mensch war – wenn er mit starken Kopfschmerzen im Bett lag, haben wir Enkel das nicht mitbekommen, unsere Oma hat alles von ihm ferngehalten. Ich denke an meinen Vater, der lange in russischer Gefangenschaft war und nie etwas davon erzählt hat – seine Schreie in der Nacht waren für uns Kinder grauenvoll. Geholt habe ich mir die Bootsmannpfeife meines Onkels und denke auch an ihn, der im U-Boot eingeschlossen war und immer wieder davon sprach. So unterschiedlich sind die Menschen und keiner dieser Männer kam wirklich damit klar. Ich denke auch an meinen Mann, der den Wehrdienst erst verweigerte, nachdem er die Grundausbildung in der Bundeswehr ‚genossen‘ hatte. „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen!“ Dieser Satz, den Willy Brandt gesagt haben soll, war Anlass für Hans den Kriegsdienst zu verweigern. Seinen Zivildienst machte er in einem Krankenhaus und putzte Ärsche. Das war es ihm wert, er wollte niemals traumatisiert aus einem Krieg heimkehren. …und was ist jetzt?

Jetzt bin ich doch politisch geworden – aber mich regt es auf, wenn Menschen verheizt werden. Und es werden auch heutzutage noch Menschen verheizt! Für was? Ist diese Erde nicht groß genug für alle?

Dieser amerikanische Präsident will Flüchtlinge beschießen lassen … Sorry!

Samstagmorgen

Still ist es. Noch nicht einmal Musik klingt. Vielleicht in mir. In Dur-Akkord. Moll ist genug da draußen. Ich muss dem entgegentreten. Ich muss wirklich müssen, denn wenn ich es nicht tue, versinke ich im Morast der Mutlosigkeit.

Was kann ich hören dagegen? Möglicherweise gerade Wiebkes Musik. Sie hört fröhliche Kinderlieder, Herbstlieder und dann wieder Kirche, um plötzlich mit Helene Fischer oder den Toten Hosen mitzuschmettern. Dann lacht sie, mein wunderbares Töchting.

Carsten hört im Moment keine Musik. Er macht mir sowieso Sorgen. Obwohl er fröhlich ist. Obwohl er Charmeur ist. Obwohl er Sprachwitz hat und wenn er zu Wort kommt, die Menschen verblüfft. Nur dauert alles soviel länger – je weniger er wird.

Draußen senkt sich der Nebel. Ich kann den blauen Himmel schon ahnen. Noch regt sich in den Juniorenzimmern nichts. Es ist still am Samstagmorgen!

…übrigens: ich freue mich über jeden Kommentar!

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