Vorsicht

Bleischwer liegen die Gedanken auf der Seele und können nicht zertreten werden, wie ein Gänseblümchen auf der Wiese.
Blassblau ist der Himmel und aus keiner Wolke kann es regnen.
Aus dem Töchtingzimmer klingt fröhliches Kauderwelsch – im Kerlezimmer liegt einer und hebt kaum den Kopf. Eine singt, einer ist zu schwach dazu. Mein Buch liegt ungeöffnet neben mir, der Morgenkaffee ist getrunken und die Verantwortung fürs Wochenende lastet drückend auf meinen Schultern.

Rabenschwarze Seifenblasen schillern, zerplatzen und je nach Lichteinfall bekommen sie die eine oder andere Bedeutsamkeit.

sorry

Ein Gefühl: es ist nicht logisch, es ist überhaupt nicht logisch, es ist sogar ausgesprochen blöd! Draußen ist endlich Frühling, die Sonne scheint und Spaziergänger laufen schwatzend am Haus vorbei.  Und ich bin furchtbar traurig, wütend, unruhig, hibbelig, aufgedreht, schuldbewusst, hilflos und ängstlich. Ich kann mit den Junioren nicht raus, kann nicht mit ihnen spazieren gehen – wir sitzen in der Bude und das Leben rauscht an uns vorbei. Da hilft es mir auch nicht, dass wir am Abend essen gehen. Jetzt bin ich voller Wehmut, sogar voll Zorn. Ich hätte zu gerne die Kraft meiner jüngeren Jahre zurück, dann würde ich mir beide Rollstühle schnappen und eine Runde drehen …

H wie …

… Hilfe! (Passwortschutz aufgehoben! – Bitte respektiert meinen Wankelmut.)


Warum kann man diese fehlgeleiteten Synapsen im Hirn nicht einfach wieder in die richtigen Bahnen lenken und alles ist gut?

Wie entsteht eine Depression? Es ist komplex und wenn ich es wüsste, dann wäre ich die erste, die mir selber helfen könnte. Dabei bin ich wirklich die einzige, die mir helfen kann. Im Moment bin ich nur am Verzweifeln. Draußen ist schönster Sonnenschein und wir sitzen hier drinnen und kommen nicht von der Miste. Mein schlechtes Gewissen ist riesig, meine Wut ist es, meine Angst etwas falsch zu machen – ich werde den Junioren nicht gerecht, sehe die Sonne und möchte sie am liebsten aussperren.

Ich kann nicht weiterschreiben … Es ist so verdammt beschissen, allein zu sein mit alldem.

Schubladen

Schon als Kind konnte man mich nicht in Schubladen stecken, obwohl es viele versucht haben:

Ich war die, die klein und dünn war.
War die, die auch schon zur damaligen Zeit oft in Hosen herumlief.
Die, die beobachtend im Hintergrund stand, aber an vorderste Stelle trat, wenn jemand benachteiligt wurde.

Ich war die, die Angst vor dem Telefon hatte.
War die, die in der benachbarten Gärtnerei alte Blumentöpfe klaute, um daraus Männchen zu basteln.
Die, die stolz ihre langen Haare zeigte, aber diese eines Tages ratzfatz selber abschnitt.

Ich war die, die von der Schule flog, weil sie sich nicht entschuldigen wollte.
War die, die niemals Haschisch rauchte.
Die, die sich selbst ihre Klamotten nähte.

Ich war die, die einen Männerberuf ergriff.
War die, die zur Abendschule ging.
Die, die morgens um 5 aufstehen musste.

Ich war die, die Angst vor XYungelöst hatte.
War die, die einem Epileptiker erste Hilfe leistete, weil sich sonst niemand das zutraute.
Die, die mit 16 Spiegel und Stern las.

Ich war die, die als einzige die Gesellenprüfung bestand und doch nicht übernommen wurde.
War die, die in einer kleinen Klitsche das Laufmädchen für alle war.
Die, die aufmuckte und Akzidenzen setzte.

Ich war die, die schwanger wurde.
War die, die ein behindertes Kind bekam.
Die, die deswegen Erzieherin wurde.

Ich war die, die Pennern half.
War die, die Angst im Dunkeln hat.
Die, die ein zweites behindertes Kind bekam.

Ich war die, die …

Immer wieder bin ich herausgerutscht aus den Schubladen, in die man mich gerade einsortiert hatte. Ich war Schülersprecherin, obwohl ich eine Heidenangst hatte, vor versammelter Mannschaft zu sprechen, war Elternsprecherin und wollte niemals in der Öffentlichkeit stehen. Aber mein größter Wunsch war, eine andere zu verkörpern und mein Herzenswunsch war, Schauspielerin zu werden.

[…] Kuddelmuddelgedanken