sinnig, und jetzt hoffentlich wieder eigen

„Sei nicht so eigensinnig.“, sagte letztens eine ältere Freundin zu mir. Nicht nur verdutzt war ich, sogar ein bisschen entrüstet – im wahrsten Sinn des Wortes von der Rüstung befreit.

Gerade in den letzten Jahren hatte ich mich sehr zurückgenommen und immer wieder klein beigegeben. Von meinem jugendlichen Eigensinn war wenig übrig geblieben. – Ja, ich habe das Gefühl, dass ich mich fast viel zu sehr, um des lieben Friedens Willen wegen angepasst habe. Dass mir das nicht gut tut merke ich daran, wie unzufrieden und traurig ich manchmal bin. Weswegen ich nicht so eigensinnig sein soll, das hat mir diese Freundin nicht gesagt. Ich vermute, dass sie es nicht gut findet, dass ich mir meine Haare selber schneide und dass ich, mit über sechzig, eine politische Meinung habe, die einem Juso gleich käme und ich aus diesem Alter ja nun langsam raus wäre. Auch hat sie ganz klar gesagt, dass eine quietschgelbe Jacke nicht angemessen sei. Außerdem, das sagt sie allerdings nicht, das lässt sie mich nur spüren, sind ihre Krankheiten bei weitem schwerwiegender, als all unsere zusammen. Ihre Schauspielkunst diesbezüglich ist beispiellos. Ein Helferfreund meinte: „Was ist denn mit der Frau los? Sie trägt ja ihren Kopf unterm Arm spazieren!“ Da musste ich schon sehr lachen, traf er doch genau den Punkt – sie humpelt und merkt dabei nicht, dass es mal das linke und mal das rechte Bein ist…

Mir sagt sie, dass ich froh sein soll, dass sie mir hilft, dabei spielt sie lediglich MenschÄrgereDichNicht mit mir und den Junioren. Ich solle nicht Carsten nicht rauswerfen, er würde sowieso gewinnen (meistens tut er das, auch ohne schummeln), ich solle doch … ach, das ist egal. Meinen Eigensinn sieht sie auch darin, dass ich ausgerechnet in ihrer Zeit, der Logopädin erlaube mit Wiebke Therapie zu machen. Außerdem würde ich Wiebkes Eigensinnigkeit unterstützen und durch meine hätten schon einige Helfer die Flinte ins Korn geworfen, ich solle mich ein wenig mehr zurücknehmen! Ich finde mich selber kaum wieder, aber ich bin scheinbar immer noch zu dominant!

Ich springe, wenn Carsten in der Nacht schreit und tu das auch, wenn Wiebke statt Cola Kakao möchte, bereite den Helfern Kaffee und achte darauf, das immer was zu knabbern da ist – ich bin nicht eigensinnig genug, das zu holen, was ich will, sondern frage nach, was die anderen mögen. Wenn zum Beispiel meine Freundin meint, dass wir beim Ausflug keinen Cafébesuch wollen, dann lasse ich es, weil sie sonst das nächste Mal nicht mitkommen würde.

Ich will das nicht mehr! Ich will wieder eigensinnig werden, will ich sein und mich nicht verbiegen, möchte dabei natürlich die Ellbogen eingefahren lassen und niemanden vergewaltigen – aber ich möchte auch nicht vergewaltig werden. Wie ich das machen soll, weiß ich noch nicht, es wird auch kein Patentrezept geben – aber meinen nachgesagten Eigensinn möchte ich zurück!


Kuddelmuddelgedanken, aber ich lasse sie jetzt einfach stehen.

Veröffentlicht von

piri ulbrich

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Ein Kopf voller Fragen: Was denkt er gerade? Was ziehe ich heute an? Wo ist Süden? Soll ich, oder nicht? Warum habe ich in den 70er Jahren meine Haare so verunstaltet? Wie bekomme ich diesen Fleck weg? Was macht eigentlich die - ähm, wie heißt sie noch - die Dings, die... ömpf... die, die immer so schräg aussah? Was macht die Feuerwehr hier? Warum immer ich? Ist dein Blau mein Blau? Wer hat die Schokolade aufgegessen? Wieso regnet es schon wieder? Was? Wieso? Warum?

9 Gedanken zu „sinnig, und jetzt hoffentlich wieder eigen“

  1. Für mich stellt sich sofort die Frage, ob diese Dame wirklich eine Freundin ist und bleiben kann?
    Und bitte bleib eigensinnig und/oder werde es wieder mehr! Trage gelbe Jacken, rote Hosen, male dir die Lippen an und schüttel dein Haar, wer will denn schon wirklich wissen was angemessen ist, wohlfühlen muss man sich in der eigenen Haut!
    herzliche Grüße, Ulli

    1. Danke Ulli, über den Sinn und Zweck der Freundschaft mit der Pastorenfreundin habe ich in letzter Zeit sehr lange nachgedacht. Sie ist eine treue Seele und kommt, lässt mich nicht in Stich – wie andere das machen – sie ist zuverlässig, verlangt dafür zwar kein Geld, aber sie möchte hofiert werden. Ich habe niemanden anderes, wir haben niemanden anderes und ich hoffe sehr, dass sie, wenn der Frühling kommt, wieder spazieren gehen kann. Die Junioren müssen doch an die frische Luft! Ach, hätte ich jemand anderes, dann hätten wir einen anderen Umgang – es ist furchtbar, unglückselige Kompromisse machen zu müssen. Wenn es nur um mich ginge, dann hätte ich längst die Reißleine gezogen …

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