Nachtlektüre

Zeit Campus  fragt nach unseren rassistischen Vorurteilen. Ich sage: Wer frei davon ist, der werfe den ersten Stein. So manche dieser Fragen haben mich stutzen lassen und ich habe mich ertappt. Dabei bin ich wirklich ein Mensch, der andere Menschen lässt. Doch wenn jemand schwarz ist, radebrecht und womöglich unmodisch angezogen ist, dann rattert auch meine Maschine im Kopf. Bei mir macht es viel die Sprache und letztens bei der Reflexion einer Situation habe ich über mich selber den Kopf geschüttelt – was bin ich doch für ein arrogantes Arschloch, dass ich vom schlechten Deutsch auf die Wertigkeit der Person schließe. Wäre ich in Mosambik, hätte ich nichts verstanden und gar nichts sagen können, noch nicht mal radebrechen … Wie gesagt: Wer ohne Vorurteile ist, der werfe den ersten Stein – auch in puncto Behinderung, Alte, Kranke, Kinder, etc. pp!

überrascht

Ist es so überraschend wenn Angehörige, die pflegen, klagen? Anscheinend schon, denn wie sonst soll ich mir diese hohen Zugriffszahlen auf dies Blog erklären können!

Nicht erst seit gestern geistert es durch die Medien, dass unsere Klientel alleine im Regen stehen gelassen wird, warum tut denn die Gesellschaft immer noch so verwundert?

Dabei ist es, in meinem/unseren Fall gar nicht einmal die Pflege als solche – diese meistere ich gerne und gut. Es ist die Tatsache, dass man dadurch, dass man pflegt und kaum mehr Außenkontakte hat, einsam wird. Die Themen grenzen sich mehr und mehr ein, man verkümmert im wahrsten Sinne des Wortes. Lange Zeit dachte ich, dass ich hochgradig depressiv wäre – ja, ich habe depressive Tendenzen, aber dem könnte man durch professionelle Gespräche entgegen wirken. Wenn es vernünftige Austauschmöglichkeiten geben würde, genug Psychotherapeuten und Verständnis in der Öffentlichkeit – nicht nur vorgetäuschtes – dann ginge es uns allen besser. Menschen mit Behinderung gehören in die Gesellschaft und nicht an den Rand, wo sie im Moment noch stehen.

Denkt mal drüber nach und schreibt mir einen Kommentar!

unsere Welt

…ist eine so ganz andere, als die eure!

Manchmal denke ich, dass ich auf einem anderen Planeten lebe, weil sich im Moment gar keine Schnittmengen bilden. Manchmal, früher, hatte ich wenigstens das Gefühl dabei zu sein, dazu zu gehören – jetzt fühle ich mich abseits gedrängt und mit meinen Sorgen allein gelassen. Das mag auch daran liegen, dass ich während meiner Kur wenigstens ansatzweise in verständige Gesichter geguckt habe und Gesprächspartner hatte. Hier Zuhause bin ich völlig auf mich allein gestellt. Es ist Wochenende und was kann ein Pflegedienst anders machen, als ich?

Meine Ängste kann niemand nachempfinden der Carsten nicht kennt, der Carsten nicht sieht, der Carsten nicht erlebt. Seine Haut ist gerötet, er hat eine Windeldermatitis, am Hals wunde Stellen und am Rücken vermutlich eine leichte Pilzinfektion. Der Kerle kratzt sich die Haut auf. In der Kurklinik wurden ihm drei Wochen keine Fingernägel geschnitten – den Dreck darunter hat er schön auf seinem Körper verteilt!  Da ist es verständlich, dass ich zynisch werde!?

Ich wiederhole mich, ja ich weiß. Ich rede, schreibe immer dasselbe und fühle mich, mehr denn je, allein gelassen. Fühle mich Sche-ße, als pflegende Angehörige, weil Gesprächsbedarf besteht – gar nicht einmal Hilfe bei der Fürsorge und Pflege – es fehlen einfach Austauschbörsen und Redemöglichkeiten. Wahrscheinlich ist mir das jetzt noch bewusster, weil ich diese in den letzten drei Wochen hatte; ich werde mich wieder reinfinden – halbwegs, wie ich es vorher auch getan hatte… Ich vermisse den kulturellen Austausch, das Reden über Bücher, die ich gelesen habe, ich möchte malen, schreiben, singen, nicht mal tanzen – das vermisse ich nicht – aber ich brauche ein Gegenüber auf Augenhöhe. Dieses finde ich nicht. Habe ich zu hohe Ansprüche? Oder ist mein Kosmos inzwischen viel zu weit vom Normalen abgedriftet?

Dies Blog dient auch nicht zum Miteinander, Kommentare sind selten – aber, wahrscheinlich liegt es auch an mir. Ich bin zu ernst und ein wirkliches Gespräch findet im Netz nicht statt, dazu braucht es Augenkontakt –  Smaltalk liegt mich nicht.

Tschuldigung!

easy

»Take it easy!«

Tehk it ih-si, sagen sie dir.
Noch dazu auf englisch.
„Nimm’s auf die leichte Schulter!“

Doch, du hast zwei.
Nimm’s auf die leichte.

Ich folgte diesem populären
Humanitären Imperativ.
Und wurde schief.
Weil es die andre Schulter
Auch noch gibt.

Man muß sich also leider doch bequemen,
Es manchmal auf die schwerere zu nehmen.

(aus: In meinen Träumen läutet es Sturm)

Mascha Kaléko

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… oder man nimmt es einfach auf den Rücken. Auch nicht so einfach!

Das Leben ist schön!

Ehrlich – auch wenn es mich schon arg beutelt. Klar, es könnte besser sein, aber was soll’s? Wenn ich jammere – was ich zugegebenermaßen schon sehr gerne tue – ändert sich eh nichts, also kann ich auch gleich gucken, dass ich das Beste draus mache.

Carsten hat sage und schreibe, vierhundert Gramm zugenommen. Allerdings möchte ich das anzweifeln, denn ich kann Rippen zählen und das konnte ich vor der Kur nicht! Dumm ist auch, dass das Pflegepersonal nicht die kompakte Astronautenkost bestellt hatte, denn erstens ist bei der ‚normalen‘ mehr drin und zweitens ist diese nicht hochkalorisch und Carsten feilscht um jeden Milliliter, den er trinken muss. Blöd gelaufen, zumal ich extra darauf hingewiesen habe. Mir scheint, sie sind in diesem (einzige Kurklinik für behinderte Menschen in ganz Deutschland) Haus besser auf Reduktionskost, denn auf Zunahme, eingestellt. Für Carsten ist das natürlich kontraproduktiv. Aber auch das wusste ich im Vorfeld und habe in den sauren Apfel gebissen. Das Ziel an Gewicht zuzulegen, hat er meilenweit verfehlt!

Ich bin immer noch der Meinung, dass eine gemeinsame Kur – wobei die Pflege völlig außerhalb meiner Hand sein sollte – die bessere Option gewesen wäre und auch noch ist. Nur zusammen können wir gewinnen, können das Essverhalten der Junioren (und meins) ändern und dann kann Carsten auch zunehmen und ein bisschen mehr auf die Rippen bekommen.

Im Grunde genommen, hat sich bei uns nichts geändert – wie übrigens auch bei den anderen Pflegenden, mit denen ich mich kurz nach dem sie wieder daheim waren, ausgetauscht habe. Alles, wie es vorher war! Nur eben nach drei Wochen Ferien und Kuranwendungen.

Ich klage nicht – das Leben ist schön, ich lebe gerne. Die Junioren haben die Mama wieder und ich meine Kinder. Wie wir das allerdings mit dem Essen machen und wie ich die Angst in Griff kriege, weil der Kerle noch weniger ist und ich denke, dass er verhungert, das weiß ich nicht. Aber auch das ist nichts Neues, dabei dachte ich, dass genau das Problem gelöst wird!

Heute Abend gibt es Pizza – denn auch der hiesige Italiener ist gut …