leben und leben lassen

Immer und immer wieder stelle ich, in unseren ach so toleranten Zeiten, fest, dass Menschen, die anders sind, auffallen – nicht das sein dürfen, was sie sind oder wollen.

Ich scheine, weiß Gott, wenig sensibel, weiß aber sehr wohl, wie sich Minderheiten fühlen und bekomme eine Heidenwut wenn Menschen bloßgestellt und gemobt werden. Tagtäglich erlebe ich es. Carsten sieht anders aus, als das Schönheitsideal uns vorgaukeln will. Er ist klein, seine Proportionen stimmen nicht, er sitzt schief auf dem Rollstuhl, seine Stimme ist merkwürdig und auch sonst entspricht er nicht dem Bild eines 42jährigen. Mir tut es weh, wie manche Leute über seinen Kopf hinweg über ihn reden, ihn übersehen und sich gar lustig machen.

Dann ist da noch die große Frau aus der Buchhandlung im Nachbarort! Ihre Stimme klingt männlich, der Körperbau ist es und ihre Pumps sehen aus, wie Elbkähne. Ihre Haare sind sorgfältig frisiert und diesen kurzen Rock würde ich im Winter nicht anziehen, weilˋs mir einfach zu kalt wäre. Ich habe so eine Hochachtung vor ihr! Welchen Mut muss sie haben, jeden Tag, raus zu gehen und ihre Frau zu stehen. Sie ist kein Mann, auch wenn sie sich täglich rasiert und ihre Stimme versucht, einige Töne heller klingen zu lassen. Geduckt geht sie, um ja nicht aufzufallen, als Frau und dennoch ist sie eine wunderbare – in ihrer ganzen Ambivalenz. Angefeindet wird sie – ganz offen – als Tunte bezeichnet und „er“ sollte sich schämen, denn der Natur sollte man nicht ins Handwerk pfuschen.

Wiebke wird, wenn sie einmal wieder – noch dazu als behinderte Frau – stur darauf beharrt in ihrem Zimmer zu essen, nachgesagt, dass sie schlecht erzogen ist. Dabei kann sie manche Essensituationen hier am gemeinsamen Tisch schlichtweg nicht aushalten. Der Druck, der auf mir lastet, ist gigantisch. Einerseits möchte ich Normalität, andererseits niemanden zu etwas zwingen, das wider deren Natur oder Interesse steht. Menschenskinder, solange eigene Rechte nicht eingeschränkt werden, lasst doch andere Leute so leben, wie sie sind und wollen. Ob groß, ob klein, dick oder dünn, doof oder gˋscheit – leben und leben lassen.

Veröffentlicht von

piri ulbrich

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Ein Kopf voller Fragen: Was denkt er gerade? Was ziehe ich heute an? Wo ist Süden? Soll ich, oder nicht? Warum habe ich in den 70er Jahren meine Haare so verunstaltet? Wie bekomme ich diesen Fleck weg? Was macht eigentlich die - ähm, wie heißt sie noch - die Dings, die... ömpf... die, die immer so schräg aussah? Was macht die Feuerwehr hier? Warum immer ich? Ist dein Blau mein Blau? Wer hat die Schokolade aufgegessen? Wieso regnet es schon wieder? Was? Wieso? Warum?

5 Gedanken zu „leben und leben lassen“

    1. Ich erlebe es am eigenen Leib – als Mutter zweier behinderter Kinder, die keine Kinder mehr sind. Mir wird gesagt, ich solle Hilfe annehmen und dann wird mir vorgeschrieben, welche Art Hilfe das ist. Meist in pflegerischer Hinsicht. Wenn ich ablehne, weil ich diesbezüglich gar keine Hilfe gebrauche, wird mir Undankbarkeit nachgesagt.

      Hilfe, die wir nötig haben, gibt es nicht, weil behinderte Menschen zu schwierig sind und eben nicht in das Raster der Normalität passen. Minderheiten müssen sich unterordnen oder untergehen …

  1. du sprichst mir aus der seele! wie schön wäre es auf der welt….besonders für minderheiten… wenn es so wäre….
    wenn eure familie genauso „normal“ behandelt würde wie jede andere familie auch und nicht ständig geguckt und getuschelt würde…
    wenn mein schwiegersohn nicht in der u-bahn niedergeschlagen würde, weil er schwarz ist… wenn mein jüdischer neffe nicht massiv bedroht oder bespuckt würde… wenn er am weg zur synagoge ist….
    wenn menschen nicht flüchten müssten und mit dem tod bedroht sind, weil sie zu einer minderheit gehören…..
    wenn menschen nicht ausgegrenzt würden weil sie anders sind…
    leider ist es anders auf der welt und das ist schrecklich traurig.
    dass menschen so sind, dass sie andere anfeinden, andere niedermachen, sich über andere lustig machen, andere nicht leben lassen, wie sie wollen, das lernen sie leider als kinder in ihrer stammfamilie. 🙁

    1. Es steckt so viel Angst dahinter, bei den Menschen, die andere Menschen ausgrenzen, dass sie selber ausgegrenzt werden. Sie sehen in der Vielfalt der Kulturen und in der Andersartigkeit eine Gafahr für sich – es könnte Ihnen schlechter gehen, wenn es den anderen besser geht. Nicht rational nach zu vollziehen und emotional schon gar nicht. Etwas Fremdes macht Angst, ist ungewiss und neu und sich auf neues einlassen, erfordert Mut und kostet Kraft …

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