große ? Lust

Ich hätte große Lust unsere Morgen jeden Morgen zu erzählen. Nur wäre das wenig erbaulich, wenn auch für manche interessant. Täglich grüßt das Murmeltier – täglich höre ich von Carsten, besonders von Carsten dieselbe Litanei. Er zählt mir auf, wer von den Mitarbeitern krank, wer auf Fortbildung ist und wer Urlaub hat. Wenn ich sage, dass ich das doch schon gestern gehört habe, dann bekomme ich zu hören, dass das ja heute ein anderer Tag wäre. In aller epischer Breite erzählt er. Wenn ich Fortbildung hätte, dann könne ich auch nicht arbeiten und wenn ich Urlaub hätte, dann müsse jemand anderes einspringen. Wenn aber Personalmangel ist, dann kann niemand eingesetzt werden, weil keiner da ist und die anderen müssen die Arbeit derer mitmachen, die fehlen. – Jeden Morgen. Jeden Morgen erklärt er mir auch, warum er heute nicht rasiert werden kann. Weil er nämlich keine Zeit mehr hat zu spielen. Wir diskutieren darüber, dass genügend Zeit ist, weil er ja sowieso nicht frühstückt. Das lässt er nicht gelten – und dann will er ausziehen.

Dann schreit Wiebke, weil sie nicht möchte, dass Carsten meckert. Wiebke will das T-Shirt nicht anziehen und die Hose dreimal nicht. Sie kündigt an, mit Absicht einzunässen.  Haare hätten wir doch gestern Abend erst gekämmt und waschen? Wozu? Jeden Morgen. Mindestens jeden zweiten Morgen wasche ich ein Bett. Das Bett in dem Carsten ohne Windel schläft. Manchmal wasche ich auch zwei, weil Wiebke ganz in Gedanken einfach losgestrullt hat. Inzwischen wäscht Minna!

Jeden Morgen, schon wenn der Werkstattbus vor der Tür steht, will Wiebke ein anderes Vesper  – das gibt es inzwischen nicht mehr, aber gemeckert wird trotzdem. Jeden Morgen vergisst der Busfahrer, vergisst er es wirklich, oder ist er nur zu faul? – jedenfalls muss ich jeden Morgen den Fahrer erinnern, dass der Ankippbügel (das ist das kleine Rädchen am Rollstuhl, damit der Rollstuhl nicht nach hinter umkippen kann) wieder herausgeklappt wird. Beim Treppehinunterfahren hindert dies Teil sehr und ist zudem gefährlich – man kann heftig stürzen.

Jeden Morgen sitze ich um kurz vor acht und trinke, mehr recht als ruhig, meine nächste Tasse Kaffee. Oder ich trinke den kalten Kaffee, der stehen geblieben ist, weil mir keine Zeit dafür blieb.

Heute Morgen, heute Morgen gehe ich zur Kosmetikerin. Wann ich das letzte Mal war, weiß ich nicht mehr – aber heute Morgen lasse ich mich verwöhnen!

Veröffentlicht von

petra ulbrich

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Ein Kopf voller Fragen: Was denkt er gerade? Was ziehe ich heute an? Wo ist Süden? Soll ich, oder nicht? Warum habe ich in den 70er Jahren meine Haare so verunstaltet? Wie bekomme ich diesen Fleck weg? Was macht eigentlich die - ähm, wie heißt sie noch - die Dings, die... ömpf... die, die immer so schräg aussah? Was macht die Feuerwehr hier? Warum immer ich? Ist dein Blau mein Blau? Wer hat die Schokolade aufgegessen? Wieso regnet es schon wieder? Was? Wieso? Warum?

16 Gedanken zu „große ? Lust“

    1. …und wenn Du einmal sagen würdest: „Mama braucht ein paar Stunden allein ohne Euch beide, um sich auszuruhen, und dann freut sie sich umso mehr, wenn Ihr nachmittags wiederkommt.“ Was wäre wahrscheinlich die Antwort?

  1. sie sind schon sehr kräftezehrend und mühevoll diese morgen, wo du immer wieder dieselben reden schwingen mußt und auch anhören mußt.
    umso schöner, sich einmal verwöhnen lassen zu dürfen!

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