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Schattenklänge – ein Beitrag für Sofasophiens Anthologie.


Das Schokoladenpapier

Was sie gerade denkt, möchte niemand wissen; das denkt sie und schweigt.

Während im Fernsehen die Bobfahrer und andere Wintersportler um Ehre und Ruhm fahren, rumort es im Kopf der älteren Frau mit den kurzen grauen Haaren. Tagtäglich müht sie sich ab, macht ihre Arbeit, die getan werden muss, weil niemand sonst da ist, der sie tun könnte, versorgt die letzte Kuh im Stall, deren Milch sie schon lange nicht mehr abholen lässt, da diese gerade für die Familie und Nachbarn reicht. Besser wäre es, sie würde dieses Tier schlachten lassen, Butter und Milch gab es bedeutend billiger beim Discounter! Aber jedesmal, wenn sie die Aufmerksamkeit bei ihrem Vater auf dieses Thema lenken wollte, wurde er zornig, verkrampfte er sich und wenn sie nicht schon wieder den mürrischen Hausarzt im Wohnzimmer haben wollte, sprach sie schnellstmöglich von etwas anderem. Meist davon, wie schön es doch war, als sie vor vielen Wintern den Almabtrieb organisierte und der greise Mann diesen auf seine ureigenste Art anführte.

Da ging ein Sonnenaufgang im Gesicht des Mannes auf und man konnte erkennen, dass er einmal vor Jahrzehnten ein fesches Bürschlein gewesen sein musste – bis, ja bis er, als sie gerade 16 geworden war, bei einem Motorradunfall seine Frau verlor und sich selber drei Wirbel gebrochen hatte. Seitdem war sie
Versorgerin im Haus; keine Chefin, immer Handlangerin, Ausführende, nicht selbstständig Denkende (jedenfalls dachte man das, dass sie das nicht konnte). Sie war immer da, jederzeit verfügbar und immer greifbar. Wo war sie? Wer war sie? Wo ist ihr Leben geblieben? Als einziges Kind hatte ihr Vater nicht einmal infrage gestellt, dass sie ein eigenes Leben aufbaut. Es war selbstverständlich, dass sie sich um den behinderten Mann kümmerte.

Jetzt war sie Anfang 60, hatte noch nie einen Mann geliebt und in ihr dachte es. Im Wohnzimmer raschelte der Vater mit dem Schokoladenpapier, dann fluchte er lauthals und schrie nach ihr, sie solle doch kommen und ihm das Rumsahnestück vom Boden auflesen. Sie kam auch, bückte sich und später hielt sie verdutzt ein blutiges Messer in ihren Händen.

Was hatte sie getan?

Autor: piri ulbrich

Ich bin ganz schön viel und ganz schön wenig, ich bin Mutter, Hausfrau und Dichterin in allen Lebenslagen. Ein Kopf voller Fragen: Was denkt er gerade? Was ziehe ich heute an? Wo ist Süden? Soll ich, oder nicht? Warum habe ich in den 70er Jahren meine Haare so verunstaltet? Wie bekomme ich diesen Fleck weg? Was macht eigentlich die - ähm, wie heißt sie noch - die Dings, die... ömpf... die, die immer so schräg aussah? Was macht die Feuerwehr hier? Warum immer ich? Ist dein Blau mein Blau? Wer hat die Schokolade aufgegessen? Wieso regnet es schon wieder? Was? Wieso? Warum?

7 Kommentare

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