als ich klein war

Als ich klein war, sollte alles perfekt sein – wenn nicht, dann wenigstens wunderschön! Prinzessinnen trugen bunte Blümchenkleider und Kränze mit Schleier im Haar und der Märchenprinz kam, um sie auf sein Schloss zu entführen.

Als ich klein war, gab es noch kein Handyverbot und ich musste um 18:00Uhr pünktlich auf der Matte stehen. Eventuell wurde ein Auge zugedrückt, wenn ich mich im Märchenwald am Bahndamm vertrödelt hatte. Dann war aber am nächsten Tag das abendliche Erscheinen früher angesetzt!

Als ich klein war, gab es vor den Schulen kein Autogedränge – ich musste selber laufen und wenn es in der Familie schon ein Auto gab, dann hatte dies garantiert der Vater, denn die Mutter durfte nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ehemannes einen Führerschein machen und eventuell einmal Sonntagnachmittag fahren.

Als ich klein war, sangen die Beatles: She loves you, yeah, yeah, yeah!, und mein Opa nannte das Hottentottenmusik!

Als ich klein war, wohnte ich mit Oma, Opa, Großonkel, Tante, Onkel, Cousinen, meinen Eltern und Geschwistern in einem Haus mit 2 Klo und keinem Badezimmer.

Als ich größer wurde, zogen wir in ein eigenes Haus und trotzdem hatte nicht jeder ein eigenes Zimmer.

Als ich größer wurde, bekam ich eine kleine Schwester, auf die ich aufpassen durfte – ob ich wollte oder nicht.

Als ich noch größer wurde, begann ich zu rebellieren – ich stellte das Leben infrage!

Dann wurde ich noch größer und bekam meine Kinder …

… und jetzt versuche ich wieder das Leben infrage zu stellen. Leider gelingt es mir nur sehr fragmentarisch!

Reminiszenzen

Die Autobahn ist gesperrt, der Weg zur Mühle dauert länger, aber wir lassen uns nicht abhalten. Weder vom säuerlichen Wetter mit 12Grad, noch vom Umweg über die Dörfer, oder gar der tropfenden Triefnase. Wir wollen da hin – ich will da hin. Meine Begleiter wissen nicht um meine Beweggründe, es ist mir auch egal. Schön ist – aber das ist auch nur der willkommene Anlass, dass ein Gottesdienst im Freien stattfindet. Wichtiger ist mir der Ort selbst, die Mühle, in der wir uns gezofft, vertragen, gestritten und immer wieder versöhnt haben und in die ich nun mit den Junioren und einem netten Begleiter fahre.  

Es ist wurschtegal, ob kalt wie heute oder heiß, wie beim letzten Mal, als wir gemeinsam dort waren. Heute ist ein 1. Mai, der kälter, als das vergangene Weihnachtsfest ist – jedenfalls zu morgendlichen Gottesdienstzeiten.  Wir frieren im Freien.  Die Junioren wenigen, denn ihnen ist eine Kuscheldecke vergönnt – mich stört keine Temperatur, ich bin in Gedanken; weine, lache, zetere und grinse innerlich.  Mein Frieren ist ein Frieden! 

Freunde und Bekannte dort zu sehen war schön. Menschen, die mit uns zusammen in der Mühle auf Freizeit waren, mit denen wir diskutiert haben – über Gott und die Welt, Menschen, die MamS kannten und die erstaunt sind, dass er schon so lange tot ist.  

Der jungendliche Pfarrer im mittleren Alter hat einen Gottesdienst ganz nach meinem Gusto gestaltet, ein Posaunenchor begleitete die Lieder  – aber zum Mittagessen sind wir nicht geblieben, es war viel zu kalt um Leberkäsweck im Wind zu essen.  

Außerdem hatte ich was im Auge – und Taschentücher gab es nur im Auto…

vor dem Tag

 

Ich wache bis heute fast jeden Morgen mit Angst auf. Angst, den Tag nicht zu schaffen, den Junioren nicht gerecht zu werden. Manchmal auch davor, dass ich gesundheitlich schlapp mache.  Es gibt Morgen, da ist die Angst so stark, dass ich denke, dass andere denken, ich wäre ein Blender und Hochstapler. Dann wiederum ist da die Zukunftsangst und die vor dem Verlust des Lebensstandards.  Die Angst davor, dass Freunde und Bekannte sehen, dass ich Angst habe und mich deswegen total alleine lassen ist heftig – sie könnten hinter meine Fassade gucken. An einigen Morgenden möchte ich deswegen nicht aufstehen und einfach liegen bleiben. 

Dann, dann nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und stehe trotzdem auf…

Ausnahmezustand

Dass ich so (überzogen) reagiere, wie ich reagiere beziehungsweise agiere, liegt daran, dass ich schon viel zu lange unter Anspannung stehe.

Die Freizeit zu Ostern, die mir eigentlich ein bisschen Luft verschaffen sollte, war wohl für die Junioren eine gute, eine schöne Zeit – ich habe aber auch gesehen, dass Carsten abgenommen hat. Vermutlich wird die Quintessenz sein, dass der Kerle auf keine Freizeit mehr mitgenommen wird, weil sein Essverhalten dort nicht gehändelt werden kann. Das stimmt mich traurig, macht nicht wütend und bringt mir keinerlei Entlastung. Eher drückt es noch mehr und mein schlechtes Gewissen steigt.

Kannst du nicht dafür sorgen, dass dein Kind nicht verhungert? Bist du nicht einmal in der Lage ein vernünftiges Essen zu kochen, dass dem Kerle auch schmeckt und er es mit Freuden isst? Schafft du es nicht, deinen Sohn zu motivieren, wenigstens ausreichend zu trinken?

Für Außenstehende muss ich wie eine Rabenmutter erscheinen – lässt ihr Kind vor dem vollen Kühlschrank verhungern. In Deutschland, wo es alles zu kaufen gibt, wo die meisten Kinder zu dick sind und bestimmt niemand mangelernährt sein muss …

Meine tägliche Sorge dreht sich um die ausreichende Ernährung. Ich habe alles durch! Ignorieren, das kochen, was beliebt ist, Essen schön anrichten, PEG-Sonde, sogar die, die direkt in den Dünndarm führt. Magenspiegelung und medizinische Untersuchungen ergaben kein Ergebnis und sterben will Carsten nicht – auch nicht unterbewusst, wie mir wohlmeinende Ratschlagende einreden wollten.

Die Angst um ein Kind, kann nur jemand nachvollziehen, der das selber schon durchgemacht hat und dann ist es nicht dasselbe. Mein Ventil ist dann um mich zu schlagen, verbal und wen es trifft, der kann entweder damit umgehen, oder er findet mich zum kotzen…